Hinein ins Archaische
Das Erstaunlichste an diesem Buch ist die "Trendumkehr", die den Leser im Verlauf der Lektüre erfasst. Wendet er (oder sie) sich zunächst angewidert ab, ob der Praxis einer Großwildjagt (oder überhaupt der Jagd), so sind die (Lese-)Fährten doch so geschickt ausgelegt, dass man sich schließlich verwundert die Augen reibt, feststellend, dass man sich wider Erwarten im Jagdfiebermodus befindet. Dabei ist der blutige Part nicht der entscheidende, sondern die Heranführung an ein sensibles Thema und dessen gekonnte Umsetzung, indem sowohl die handelnden Personen als auch das gejagte Großwild zu Wort kommen (jeweils in der Ich-Perspektive). Ein geschickter Zug, um beide Tierarten (Löwe und Mensch oder wissenschaftlich: Panthera leo und Homo sapiens), später kommt noch ein Braunbär, Ursus arctos, (sprechend) hinzu, einander näher zu bringen, zu verstehen, dass eine Trennung zwischen falsch und richtig nicht ganz einfach ist. Mal ist die eine die Jägerin und der eine der Gejagte, mal ist es die Jägerin, die zur Gejagten wird - allerdings von einem Artgenossen (eben typisch Mensch ...). Die Neugier ist geweckt und für Spannung ist gesorgt - entscheidende Kriterien für einen guten Roman: "Heute Abend wird alles anders sein. Heute Abend werde ich einen Löwen erlegt haben." Wie es ausgeht? - soll hier nicht verraten werden.Panthera leo bringt uns als Charles die großartige Welt einer großen Raubkatze näher und Martin, ein Naturparkjäger in der Pyrenäen sowie Cannellito, als Letzter seiner Art (Pyrenäenbär), den kaum zu überwindenden Gegensatz zwischen Natur- bzw. Artenschutz auf der einen sowie den Interessen der Viehbesitzer und einer ängstlichen Bevölkerung (Stichwort: Problembär) auf der anderen Seite. Selbstredend ist dieser Gegensatz noch gewaltiger in den nahrungsknappen Regionen Afrikas (hier: Namibia). Das Ringen um diese Gegensätze steht im Focus diese Buches, eingerahmt von den "lüsternen" Jägern mit ihren modernen Waffen. Denn auch wenn hier der Löwe mit Pfeil und Bogen gejagt wird, und so der Eindruck erweckt werden könnte, dass es fairer wäre dem Wild gegenüber, so ähnelt diese Waffe doch eher einer Kriegswaffe. Dass ein Foto von dieser Jagd in den sozialen Medien viral geht, sorgt für das notwendige Erregungspotential. Warum es allerdings nicht so einfach oder eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick scheint, bedarf einer exakten Analyse - wie so oft im Leben. Wenn Mensch sich nur genug Zeit nähme ...Das Buch bietet aber nicht nur Einblick in das Spannungsfeld von Jagd und Natur, sondern auch in das Leben der indigenen Völker Namibias (Himba, Herero, Damara etc.) oder auch in die Naturschönheiten der Schauplätze der Geschichte: "Ich stand jetzt auf festem Boden, im Bett eines Geisterflusses. Sand und Flusskiesel, einst von altertümlichen Wildwassern vor sich hergetrieben, wurden von Sand-Balsambäumen, Tamarisken und Zahnbürstenbäumen verziert.", oft von wissenschaftlicher Exaktheit grundiert: "Wir waren von gigantischen Mauern umgeben, ein Amphitheater aus Felswänden, in denen die Geier hausten, der Fels war in Jahrmillionen bei der Orogenese [Gebirgsbildung] in Falten gelegt worden, Steinhänge, an die sich die Tannen wie Akrobaten klammerten."Das Buch spannt einen Bogen zwischen hirnloser Großwildjagd (um einer Trophäe willen) und der Auseinandersetzung: "Er oder wir, das wird mir in dem Moment klar, es gibt keinen Ausweg."