Absolut lesenswertes Debüt.
"Schwer zu sagen, von wem die Idee eigentlich mal stammte, denn mittlerweile kommuniziert unsere Gruppe wie ein Starenschwarm in Formation, voll telepathisch verändert er seine Gestalt."Mit "Kala" liefert uns der irische Autor Colin Walsh einen wirklich spannenden Debütroman, der sich absolut nicht hinter irgendwem verstecken muss.Kinlough ist ein kleines irisches Städtchen an der Westküste. Hier lebt die unzertrennliche Clique um Kala Lannan, zu der Helen, Mush, Joe und Aoife gehören. Kala ist ihr Fixstern, um den sie alle sich drehen. Doch im November 2003 verschwindet Kala plötzlich spurlos.Just in dem Moment, als Helen fünfzehn Jahre später für eine Hochzeit zurück nach Kinlough kommt, tauchen im Wald sterbliche Überreste auf. Als klar ist, dass es sich tatsächlich um Kala handelt, müssen sich die einstigen Freunde mit der Frage auseinandersetzen, welche Rolle ihnen bei Kalas Verschwinden zukam."Es war die Nacht der Bäume. Das Mondlicht drang in feinen Äderchen zwischen Geäst und Laub zu uns durch. Unsere Taschenlampen erfassten die Welt in Fragmenten, gekrümmte Finger, verrenkte Gliedmaßen, Baumstämme, die aus der Erde ragen. Moosbärtige Felsformationen mit gespenstisch verzerrten Gesichtszügen."Colin Walsh hat einen sehr angenehmen und zum Teil gar poetisch anmutenden Schreibstil, der der Geschichte einen schönen Rahmen bietet. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der Freunde Helen, Mush und Joe, so dass wir abwechselnd ihre Sicht auf die Geschehnisse erfahren. Ihre Gefühle, ihre Gedanken und alles was sie mit Kala verbunden hat. Das hat mir ganz gut gefallen. Lediglich bei Joes Part hatte ich kleine Anlaufschwierigkeiten, da er von sich in der zweiten Person redet. Im Laufe der Story stellte ich aber fest, dass das ganz gut zu seiner Persönlichkeit passt: dieses leicht Abgehobene und von sich selbst Distanzierte.Joe: "Manchmal kommt dir der Gedanke, dass du gar kein echter Mensch bist. Nur ein Gebilde, geformt aus den Meinungen anderer Leute, Frankensteins Monster, aus Bullshit gebaut."Lange tappen wir im Dunkeln was hier eigentlich geschehen ist und wer in welcher Form etwas mit Kalas Verschwinden zu tun hat. Und so treten nach und nach immer mehr Details zu Gesprächen und Ereignissen zutage, bis ich irgendwann auch an den Freunden selbst zweifelte. Walsh treibt sein Versteckspiel mit der Wahrheit, die für mich einige Zeit unter der Oberfläche lauerte, die ich aber anfangs als absurd abtat. Irgendwann kam die Spannung an einen Punkt, an dem ich dann richtig ungeduldig wurde, und an dem ich endlich wissen wollte, was hier eigentlich los ist und welche Rolle gewisse Personen in der ganzen Sache spielen.Helen: "Manchmal wünschte ich mir, dass die Menschen einander immer berühren könnten, dass Worte die Nähe nicht blockieren würden."Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings auch: Aoife gehört ebenfalls zur Clique rund um Kala, jedoch hat sie hier keine Stimme bekommen. Das fand ich etwas schade, vor allem da sie ja auch eine nicht unwesentliche Rolle bei einigen Ereignissen spielt. Ich hätte es schön gefunden, wenn sie zumindest vereinzelt Raum für ihre Sicht der Dinge bekommen hätte.Mush: "Heute Abend genieße ich ihren Arm auf meinem, als sie sich bei mir anlehnt, wir beide Seite an Seite, und der weiche Teil in mir, der sonst nur Traurigkeit kennt, ist glücklich."In "Kala" geht es um das Leben in einer Kleinstadt, um Schuld und vor allem darum, wie oft wir die Augen vor Wahrheiten verschließen, die wir einfach nicht wahrhaben wollen, weil sie sonst unsere kleine Welt - unseren Kosmos - zum Einsturz bringen würden. Für mich ist "Kala" ein toller Gesellschaftsroman mit Thrillerelementen. Definitiv lesenswert."Vielleicht besteht das Leben einfach aus einer Vielzahl von Strömungen, die einander beeinflussen, umleiten, in sämtliche Richtungen."Übersetzt aus dem Irischen von Andrea O'Brien.(4¿¿ von 5¿¿)¿¿ Meine Rezensionen entstehen grundsätzlich ohne Hilfe von KI und geben immer meine ganz persönliche Meinung wieder.