Wer nach dem ersten Band glaubt, bereits zu wissen, worauf er sich bei Outlander einlässt, dürfte überrascht werden. Diana Gabaldon wechselt nicht nur den Schauplatz, sondern schlägt auch erzählerisch eine andere Richtung ein. Und das funktioniert ausgesprochen gut!Claire und Jamie finden sich zunächst im Paris des 18. Jahrhunderts wieder. Dort versuchen sie, durch politische Intrigen und geschickte Einflussnahme den drohenden Jakobitenaufstand und damit eine Katastrophe für Schottland zu verhindern. Keine leichte Aufgabe, zumal am französischen Hof offenbar jeder seine eigenen Interessen verfolgt und man nie so genau weiß, wem eigentlich zu trauen ist.Ich fand diesen Wechsel vom schottischen Hochland in die Pariser Gesellschaft ausgesprochen reizvoll. Plötzlich stehen weniger die unmittelbaren Gefahren des Alltags als vielmehr politische Ränkespiele, gesellschaftliche Verpflichtungen und allerlei zwielichtige Bekanntschaften im Mittelpunkt. Und Gabaldon versteht es hervorragend, diese Welt mit Leben zu füllen.Claire und Jamie sind mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Besonders gefällt mir, dass ihre Beziehung keineswegs immer harmonisch verläuft. Die beiden können ausgesprochen stur sein, treffen nicht immer die klügsten Entscheidungen und geraten regelmäßig aneinander. Aber genau das macht sie für mich glaubwürdig. Und wenn sie sich wieder einmal einen ihrer herrlichen verbalen Schlagabtausche liefern, ist das schlicht ein Vergnügen.Mit der Rückkehr nach Schottland verändert sich die Atmosphäre des Romans deutlich. Die politischen Entwicklungen nehmen zunehmend Fahrt auf, und aus den zunächst eher hintergründigen historischen Ereignissen wird eine unmittelbare Bedrohung. Obwohl man weiß, welchen Verlauf die Geschichte nehmen wird, hofft man beinahe wider besseres Wissen, dass sich das Unvermeidliche doch noch verhindern lässt.Gerade diese Verbindung zwischen historischer Wirklichkeit und den persönlichen Schicksalen ihrer Figuren beherrscht Gabaldon beeindruckend gut. Sie lässt sich dabei viel Zeit, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel. Doch spätestens im letzten Drittel entwickelt der Roman einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte.Und dann dieses Ende! Ohne zu viel verraten zu wollen: Gabaldon macht es ihren Figuren und ihren Lesern wahrlich nicht leicht. Was zunächst wie ein großes historisches Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über Verantwortung, Loyalität, Verlust und Entscheidungen, deren Tragweite kaum zu ermessen ist.Für mich ist Die geliehene Zeit eine großartige Fortsetzung, die vor allem durch ihre historische Tiefe und ihre emotionale Wucht überzeugt. Fünf Sterne ¿ und ich bin gespannt, was Diana Gabaldon für Claire und Jamie noch bereithält.