Schneeengel hat mich mit seiner Winterstimmung sofort erwischt: dieses leise Knistern, wenn Schnee Geräusche dämpft und Gedanken plötzlich lauter werden. Esther Brand fängt genau diese Zwischenzeit gut ein die Tage, in denen man mehr erinnert als redet, und ein Spaziergang durch kalte Luft mehr klärt als eine lange Diskussion am Küchentisch. Ich mochte, wie viel über kleine Gesten erzählt wird: eine Tasse, die wortlos hingestellt wird; ein Blick, der ausreicht, um zu verstehen, dass heute nicht der Tag für große Pläne ist.
Die Hauptfigur habe ich schnell nah an mich herangelassen. Sie ist nicht makellos, sondern vorsichtig, manchmal störrisch, dann wieder zärtlich und genau das hat mich mitgenommen. Besonders die leisen Szenen haben funktioniert: wenn der Schnee die Welt hell macht und man doch merkt, wie viel Schatten noch da ist. Auch sprachlich ist das fein: klare Sätze, schöne Bilder, ohne Überpuderung.
Trotzdem, und das sage ich mit Zuneigung: Manches war mir vorhersehbar. Zwei Wendungen sah ich schon weit im Voraus kommen, und an ein, zwei Stellen greift die Geschichte für meinen Geschmack ein wenig zu entschlossen in die Gefühlskiste. Ich hätte mir dort etwas mehr Reibung gewünscht, ein langsameren Weg hin zu Nähe und Vergebung. Einige Nebenfiguren bleiben skizzenhaft genug, um Atmosphäre zu geben, aber zu wenig, um ihre Entscheidungen wirklich nachzuvollziehen.
Was bleibt, ist ein stimmiges Winterbuch über Verlust, Familie und den zähen Mut, es noch einmal zu versuchen. Wenn Schneeengel zart bleibt, ist es am stärksten: da, wo Entschuldigungen nicht ausgesprochen werden müssen, weil man sie tun kann; da, wo ein Schritt durch den frischen Schnee mehr bedeutet als viele Worte. Kein Buch der großen Überraschungen, aber eines, das behutsam begleitet mit kalter Luft auf der Haut und einem ruhigen, warmen Nachklang.