Auch hier kommen Menschlichkeit und kluge Lebensweisheit bei Fred Vargas nicht zu kurz ...
Menschliche Brutalität hat immer einen Hintergrund, eine Geschichte, eine Ursache. Nichts kommt von "alleine". Oft ist es ein Zufall, meist die in der Kindheit gemachten Erfahrungen, die einen entweder auf die Gewinnerstraße oder ins Abseits bringen. Dieses Spiel mit den menschlichen Tücken beherrscht kaum jemand so virtuos wie Fred Vargas.Auch in diesem Fall kämpft sich Kommissar Adamsberg, Chef der "Brigade criminelle im 13. Arrondissement von Paris" zusammen mit einer Truppe von insgesamt siebenundzwanzig (!) ganz unterschiedlichen Charakteren durch eine kuriose Serie äußerst skurriler Todesfälle, in denen Spinnen, genauer Einsiedlerspinnen (Loxosceles rufescens), eine entscheidende Rolle spielen. Dies erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Lesers, will er nicht den einen, den roten Faden, der die Geschichte zusammenhält, verlieren. Das Knäuel erscheint zunächst sehr dicht und kaum entwirrbar, was der gesamten Handlung die Spannung verleiht, die einen guten Krimi auszeichnet. Damit dieser rote Faden nicht zu oft entgleitet, sollte man die Lesepausen nicht zu lang werden lassen. Man muss sich schon sehr viele Namen merken, um die Handlung im eigenen Kopf stimmig zu bekommen. Da der Spannungsaufbau zum zügigen Lesen drängt, werden die einzelnen Fäden relativ schnell stabil, der rote Faden dicker und das Ziel, die Identifizierung und Überführung des Täters, wahrscheinlicher. Die eigene detektivische Arbeit wird insofern belohnt. Was allerdings der Spannung nicht schadet, da man hungrig darauf wartet, seine eigene Theorie bestätigt zu bekommen - oder eben nicht. Ansonsten fühlt man sich als Vargas-Fan recht wohl in der inzwischen hinlänglich bekannten "Adamsberg-Familie", obwohl auch hier nicht alles so stimmig abläuft, wie man es sich für ein harmonisches Familienleben wünschen würde. Hierbei ist besonders die "Rückholung" seines Stellvertreters Danglart ins Team ein Höhepunkt erzählerischen Könnens und ein schöner Ausdruck zwischenmenschlicher Wärme. Man fühlt sich irgendwie geborgen und vor den Schlechtigkeiten dieser Welt geschützt bei einem Kommissar, der es versteht, auch hinter die Fassade der Menschen zu blicken. So eine kümmernde, so einen besorgte, so eine liebevolle Vaterfigur wünscht sich wohl ein jeder von uns.Wenn jemand verlässlich gute Krimis schreibt, ist dies Fred Vargas. Auch bei der Auflösung dieses Falls wird vom Leser einiges abverlangt, was allerdings den grauen Gehirnzellen zugutekommt. Belohnt wird er nicht nur durch eine spannende Geschichte, sondern auch durch die besondere Nähe zu den handelnden Personen. Wie immer kommen Menschlichkeit und kluge Lebensweisheit bei Fred Vargas nicht zu kurz.(13.4.2021)