Ein Roman, der eigentlich kein Roman ist
Der mysteriöse Gaustine eröffnet eine Klinik, in der an Demenz erkrankte Patienten sich in die Zeit zurückziehen können, die für sie noch lebendig ist. Später wollen auch gesunde Menschen sich in ihrer Lieblingsdekade erholen. Zum Schluss sind es gar ganze Staaten, die für sich und ihre Gesellschaft die Zeit zurückdrehen wollen. Über ein Referendum soll die favorisierte Zeit festgestellt werden.Hätte ich in den letzten Jahren nicht mein Geschichtswissen etwas aufgemöbelt, hätte ich noch mehr nicht verstanden. Erklärt wird nichts. Stichworte, Namen und Jahreszahlen müssen oft genügen, um die jeweilige Zeit und das jeweilige Ereignis im Leser lebendig zu machen.Im Grunde erzählt Gospodinov auch keine Geschichte. Es gibt den Exzentriker Gaustine, der die Idee mit der Zeitzuflucht hatte, und den Ich-Erzähler, der über die geschichtlichen Ereignisse der Dekaden im 20. Jahrhundert sinniert, ihre Bedeutung für die Menschen allgemein anspricht, ab und zu ein paar Einzelschicksale einflicht, diese aber nicht weiterverfolgt. Es kann sein, dass Gaustine und der Ich-Erzähler (GG = Georgi Gospodinov) ein und dieselbe Person sind. Oder doch nicht?Weil der Roman eigentlich kein Roman mit der Fokussierung auf ein paar handelnde Figuren ist, gebe ich nur drei von fünf Sternen. Die Faszination der verschiedenen Dekaden für die nicht dementen Menschen kommt so für mich nicht wirklich rüber. Für die Erlangung von mehr Geschichtswissen ist die Information zu dürftig.Unter drei Sterne gehe ich nicht, da ich für diesen Roman die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts wohl noch nicht tief genug durchdrungen habe. Mein Wissen reicht als Hintergrund für dieses Sinnieren über die verschiedenen Zeiten, Orte und Begebenheiten offensichtlich nicht aus.Ein echter Roman mit echten Helden/Antihelden wäre mir dennoch lieber gewesen. Er hätte so manches klarer machen können.