So viel mehr als Underground und Charta 77: Hana Gründler lenkt den Blick auf die wenig bekannte nonkonformistische Kunst und Philosophie im sozialistischen Prag eine eigensinnige, widersprüchliche Szene, in der Freiheit neu gedacht und neu gelebt wurde.
Widerstand mit Windeln, kreatives Nichtstun im Arbeiterstaat, partizipative Happenings in der Altstadt und opulente Collagen zur Erinnerung an den Prager Frühling: Die künstlerischen und publizistischen Strategien, die staatliche Zensur in der SSR kreativ zu umgehen und Räume der ästhetischen, aber auch ethischen Freiheit zu eröffnen, waren so vielgestaltig wie raffiniert.
Diese »inoffizielle« Prager Szene war »hinter dem Vorhang« mitnichten abgekoppelt von Trends und Debatten des Westens. So nahm der Künstler Ji í Kolá 1968 an der documenta 4 teil, und der aus der Universität gedrängte Philosoph Jan Pato ka lud zu vielbesuchten Wohnzimmerseminaren, wo er zeitgleich mit Foucault über Selbstsorge nachdachte.
Hana Gründler erzählt die bemerkenswerte Geschichte dieser Parallelkultur: vom jungen enfant terrible Václav Havel und den sozialistischen Reformhoffnungen der 60er Jahre über die brutale Niederschlagung der Proteste 1968 bis hin zur Charta 77 und der Samtenen Revolution 1989. Und sie zeichnet ohne Widerstandskitsch ein ungewöhnliches Porträt der Stadt Prag als Schutzort des Underground.