Humorvoll, aber auch authentisch in die Lebenswirklichkeit eines Klinik-Alltags eintauchend
Es ist sicher kein Zufall, dass dieses Buch pünktlich zum Jubiläumjahr von Thomas Mann - (150. Geburtstag; 6. Juni 1875) gelauncht wurde. Und so liegt es, zweitens, auf der Hand, dass es zahlreiche Bezüge zu einem der bekanntesten Werke von Thomas Mann "Der Zauberberg" gibt, das, wen wundert es noch, vor 100 Jahren (1924) erschienen ist. Und so ist es denn, drittens, fast zwangsläufig, dass dieser Roman den Titel "Zauberberg 2" bekommen hat. Damit ist zumindest der pekuniäre Erfolg dieses Werkes quasi vorprogrammiert. Aber kann es auch dem Original das Wasser reichen? Wohl kaum. Muss es auch nicht, wenn man über die originäre Erzählwucht eines Heinz Strunk verfügt. Somit halten wir, trotz einiger Anklänge zum "echten" Zauberberg, die freundlicherweise im Anhang dieses Buches beschrieben werden, ein eigenständiges, süffig zu lesendes mit vielerlei Kapriolen versehenes Buch in den Händen.Dass beide Bücher im Klinik-/Sanatorium-Milieu "für Selbstzahler" spielen, kommt gleich den Erinnerungswelten aus der Schulzeit (oder später) zupass, auch wenn die Orte des jeweiligen Geschehens höhentechnisch nicht weiter auseinanderliegen könnten: die Schweizer Alpen (Davos) auf der einen und das pommerische Flachland (nahe Polen) auf der anderen Seite. Psychisch labil sind allerdings beide Protagonisten. Geld spielt allerdings hier wie dort keine entscheidende Rolle. Der eine, Hans Castorp, aus dem Hamburger Großbürgertum, der andere, Jonas Heidbrinck, ein Selfmademan, der es mit "Tüftelei" zu einigem Wohlstand gebracht hat, quälen allerdings andere Sorgen: "Die Panik vor der nächsten Attacke ist zu einer Art Grundgefühl geworden, sie ist mir tief in die Nervenfasern und Muskelstränge eingepflanzt. Jeden einzelnen Tag wache ich mit einer dunklen Schwere in der Brust auf und kann einfach keine Ursache finden, es ist, als wären meine Lebensumstände abgekoppelt von meinem Innenleben.", so J. Heidbrink im Aufnahmegespräch der Schloss-Klinik. Bereits beim Einlesen in dieses Buch kommt man nicht umhin, anzunehmen, dass der Autor wohl selbst zumindest einige Tage, wenn auch nur zu Recherchezwecken, in einem solchen Umfeld verbracht hat. Und wer so über die mentale wie reale räumliche Annäherung an das Unbekannte, an das von zahlreichen Vorstellungen geprägte Angstgefühl schreiben kann, dem sind diese zumindest nicht gänzlich unbekannt: "Vielleicht ist die Autobahn unpassierbar? Die Bundes-, Landes- und Kreisstraßen sind es ganz gewiss. Haben die so tief im Osten überhaupt Räumfahrzeuge? Aber Ausreden gelten nicht, sind verboten. Er wird das durchziehen. Einen Monat. Dreißig Tage. Seit einem halben Jahr ragt der Tag aus dem Kalender wie ein Nagel, er ist wie eine Raubkatze von hinten an Heidbrink herangeschlichen, [...]." Wer also vielleicht mit einem ähnlichen Aufenthalt liebäugelt, bekommt hier einen recht passablen Eindruck von dem, was auf sie, auf ihn zukommen könnte. Dies gilt erwartungsgemäß auch für die "Anwendungs-Tage", in denen ein Klinikalltag beschrieben wird, der es in sich hat. Mal wird man von den Zuständen durchgeschüttelt, mal kann man sich des stillen Grinsens nicht entziehen. Es ist beides: gute Unterhaltung und zum Teil bittere Klinik-Realität.Zum Realitätsscheck gehört auch, dass hier Dinge, wie die Drei-Klassen-Gesellschaft im Gesundheitswesen angesprochen werden, was bei einem Klinik-Tagessatz von 823 Euro pro Tag durchaus auf der Hand liegt: "Selbstzahler stehen als Patienten erster Klasse an der Spitze der Nahrungskette, gefolgt von Privatpatienten; Patienten dritter Klasse (Kassenpatient: bitte nicht wiederbeleben!) werden gar nicht erst aufgenommen." Aber die eigentliche Würze bezieht dieser Roman aus den jeweiligen Klinikkontakten und den sogenannten Anwendungen, in denen es zur Freude der Leser:innen recht oft "hoch hergeht" und so manche Metapher krachend das Licht der Welt erblickt: "Die einen wissen gar nicht, wohin vor lauter Lebensfreude, und die trüben Tassen trüben weiter ein." Und so werden aus den geplanten vier Wochen, Monate und ... den Schluss des Romans sollte man sich schon selbst erarbeiten. Es lohnt sich - zumal hier durch Mitpatienten Lebensklugheiten (-weisheiten?) vermittelt werden, die zum Nachdenken anregen.(4.4.2026)