Wo beginnt eigentlich Fiktion? Dort, wo Berichte, Aussagen und Dokumente von Autor:innen, meist unter Zuhilfenahme der Phantasie, zu einer Geschichte gemodelt, in ein abgestecktes Narrativ transformiert werden? Oder nicht schon dort, wo irgendjemand sich anschickt, die eigenen Erinnerungen zu Papier zu bringen, ein Bild seiner*ihrer Person und seiner*ihrer Handlungen zu formen?Wenn letzteres auch schon eine Form von Fiktion ist - welche von beiden kann mehr Wahrheit für sich beanspruchen, welche prägt unser Bild einer Person, eines Ereignisses, einer Epoche nachhaltiger und warum?Das sind viele Fragen und sie alle entspringen den Anlagen und Kniffen, die Hernan Diaz Roman "Trust" (Treue gibt nur einen Teil der Begriffsspannweite des engl. Titels wieder) bereithält. Es ist ein vielschichtiges Spiel mit verschiedenen Ebenen und Formen von Fiktionalität, das langsam beginnt und sich zuletzt virtuos steigert.Dieses Spiel ist aber nicht bloß Mittel, sondern Sujet. Diaz wagt einen long shot-Text, der sich erst nach der Lektüre aller vier Abschnitte in all seinen Facetten zu erkennen gibt. Wer Romane schätzt, die vor allem formal überzeugen (und überraschen) und bereit ist, dem Autor einen kleinen Vertrauensvorschuss einzuräumen, wird "Trust" sicherlich in guter Erinnerung behalten. Als weiblichen Pendant kann ich "Das Glashaus" von Emily St. John Mandel empfehlen.