Ein Spionageroman, der die Grenzen des menschlichen Daseins auszuleuchten versteht ...
Zeit, ohnehin kostbar, wird in unserer schnelllebigen Zeit zunehmend kostbarer - und man sollte sich schon genau überlegen, ob man bereit ist, einen Teil dieser Zeit für ein Buch zu opfern, das es einem zunächst etwas schwer macht, hinter einem langen rätselhaften Titel (eine erste erklärende Erwähnung bekommt er auf Seite 94) eine lesenswerte Geschichte zu vermuten. Zumal wenn man nicht mit der Fähigkeit der Protagonistin gesegnet ist, Bücher im Schweinsgalopp lesen zu können: "Ich erfasste ganze Textblöcke und Absätze auf einen Blick. Ich brauchte meine Augen und Gedanken nur weich wie wachs werden zu lassen, um den Eindruck frisch von der Seite aufzunehmen. Alle paar Sekunden schlug ich zur Irritation meiner Umgebung mit einer ungeduldigen Handbewegung eine Seite um."Und so habe ich denn auch zwei Anläufe gebraucht, um dieses sehr vielschichtige Werk von Ian McEwan zu beenden. Da ich aber bislang von diesem Autor nicht enttäuscht wurde, konnte ich die anfängliche Skepsis überwinden - und wurde reich belohnt.Dieser begnadete Autor weiß nicht nur sehr viel, sondern er versteht es auch dieses Wissen in Form von spannenden und die Grenzen menschlicher Daseinsformen ausleuchtenden Geschichten plausibel und tiefgründig darzustellen - und sei es in Form eines Spionageromans. In welch anderen "Sparte" kann man die Fehlbarkeit des Menschen besser darstellen? Aber wie fühlt es sich an, wenn die Ausspionierende selbst zum Objekt der Beobachtung wird, wenn also beide sich in der Rolle von Geheimnis und Verrat wiederfinden? Und zu allem Unglück auch noch in der Parallelwelt "echt" ineinander verliebt sind.Die Bücher von Ian McEwan sind zugleich immer auch ein Hort vielseitiger Informationen. In diesem Fall erfährt man so einiges über Literatur, die zwar für den deutschen Leser nicht immer bekannt sein dürfte, doch in dem hier angebotenen Kontext tiefgründige eigene Gedanken erlauben und das Buch so wertvoll machen. Im besten Fall haben wir es hier mit drei Ebenen von Literatur zu tun. Da wäre zunächst einmal die in die Geschichte eingebetteten literarischen Betrachtungen, die durch die Werke des Protagonisten ergänzt werden und die beide insgesamt in einem schlüssigen Gesamtrahmen, nämlich dem des Buches, ihre Wirkung entfalten.So ganz nebenbei erfährt man auch etwas über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit (der Roman spielt Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts). Dabei lauscht man wehmütig dem Klappern der Schreibmaschine, auch wenn diese später durch eine "surrende" elektrische Schreibmaschine ersetzt wird. Man bekommt allerdings das Gefühl, dass in jener Zeit die Uhren noch etwas langsamer gingen.(1.2.2020)