Garstiger Roman in Ingrid Noll Manier um eine alternative Studenten-WG, deren Idealismus durch einen Goldschatz gründlich entlarvt wird.
Wie in so vielen ihrer Romane beschäftigt sich die Autorin Ingrid Noll in ihrem neuesten Werk "Goldschatz" wieder einmal mit den Abgründen der menschlichen Seele, mit der Korrumpierbarkeit, der Gier, dem Neid, der Eifersucht, der Lust am Verletzen und anderen niederen Instinkten der Spezies Mensch. Diesmal hat sie sich eine Gruppe von fünf jungen Leuten ausgedacht, allesamt wenig lernbeflissene Studenten, die beschließen, eine WG zu gründen in dem abbruchreifen alten Haus voller Gerümpel, das eine von ihnen, beziehungsweise deren Mutter, geerbt hat. Recht planlos, aber doch mit Enthusiasmus stürzen sich die selbsternannten Konsumverweigerer zunächst in ihre neue Aufgabe, von der der Leser bald ahnt, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Jeder kocht sein eigenes trübes Süppchen, jeder zickt nach Kräften herum, wobei der Anschein von Engagement, gutem Willen und Nettigkeit, den sich alle zu Anfang geben, bald fadenscheinig wird und die Fassade abbröckelt - spätestens dann, als beim Herumstöbern - und es wird gar viel herumgestöbert in dieser Geschichte, und ausschließlich aus unlauteren Motiven - ein Säckchen mit Goldmünzen gefunden wird! Nun erwacht die Gier - und dies so hemmungs- und rücksichtslos, dass einem bald angst und bange wird! Von dem ohnehin nicht ernstgemeinten Konsumverzicht, der sich von Anfang an auf Lippenbekenntnisse reduzierte, kann schon bald keine Rede mehr sein - ganz im Gegenteil... Als der ältliche und recht verwahrloste Nachbar seinen Anspruch auf den Goldschatz anmeldet, spitzt sich die Geschichte zu und gnadenloser Egoismus, Selbstgerechtigkeit und Mitleidlosigkeit brechen sich ungehindert Bahn...Was mag sich Ingrid Noll wohl bei der Erschaffung dieses Romans und seiner gründlich unsympathischen Charaktere gedacht haben, fragte ich mich, je weiter ich las. Gewiss, die Autorin hat ein Faible für boshafte und bösartige Figuren, die zunächst einmal im Schafspelz daherkommen. Dass darunter bissige und erbarmungslose Wölfe stecken, enthüllt sich erst nach und nach. Doch bei aller Bösartigkeit - die allermeisten ihrer Charaktere besitzen doch etwas, das sie dem Leser gefällig erscheinen lassen, das ihn, so moralisch verwerflich das auch sein mag, mit ihnen zumindest sympathisieren und sich über ihre Boshaftigkeit amüsieren lässt. Im vorliegenden Roman jedoch scheint Ingrid Noll von diesem Schema abgekommen zu sein. Sie entwirft nämlich Protagonisten, die einfach nur unsympathisch, unbedeutend und reichlich uninteressant sind, denen man weder näherkommt noch näherkommen möchte und an deren Taten nebst fatalen Folgen man weder Anteil nimmt noch gar stillvergnügt darüber lächeln mag. Im Gegenteil gehen sie einem kolossal auf die Nerven und man wünscht sich, dass die Geschichte möglichst bald zu Ende gelesen ist und man auf Nimmerwiedersehen Abschied nehmen darf von dem selbstverliebten Frauenheld von eigenen Gnaden, Oliver, der dauerhaft vom prämenstruellen Syndrom, das ihre Erklärung für dauerhafte Muffigkeit ist, geplagten Saskia mit dem kalten, gehässigen Herzen, dem manipulativen Opferlamm Martina, dem Herrschertyp Henry, der sich als "guter Hirte" bezeichnet und nach dessen Pfeife alle tanzen sollen, und schließlich seiner Freundin Trixi, Zicklein genannt, der schlimmsten Übelkrähe von allen, die dazu noch die Ich-Erzählerin des Romans ist und nicht nur dem Leser mit ihren ständig präsenten, nie passenden Faust-Zitaten gehörig auf den Wecker fällt.Fürwahr - mit diesem Roman und seinen unerträglichen Anti-Charakteren und der rätselhaften Botschaft, die ich nicht zu entschlüsseln vermag, hat die sonst so ironisch-bissige Ingrid Noll weder sich selbst noch ihren ihr die ganzen Jahre zu Recht treuen Lesern einen Gefallen getan!