Leuchtende Schatten erschien bereits 2015 im Otto Müller Verlag, jetzt hat Klett-Cotta es als Neuauflage im kleinen Taschenbuchformat neu aufgelegt. Zur großen Freude für mich, die ich diesen Roman vor elf Jahren nicht beachtet hatte. Vielleicht lag es am Schutzumschlag der ersten Auflage, der hatte nichts Leuchtendes oder Anziehendes, er wäre mir im Buchladen nie aufgefallen. Das Taschenbuch jedoch ist im Stil einiger späterer Romane von Iris Wolff gestaltet und sprang mich regelrecht an, Kirschen an einem kleinen Zweig ich würde sie im Buch später wiederfinden. Schon wegen dieses äußeren Eindrucks wage ich zu sagen, die Autorin ist bei Klett-Cotta bestens aufgehoben.
Zufällig hatte ich vor zwei Jahren den Roman Lichtungen der Autorin gelesen, er kam nicht nur auf die damalige Longlist, er kletterte sogar auf die Shortlist des Buchpreises 2024. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Meine Rezension enthielt diesen Absatz Dabei liegt es [nur drei Sterne) nicht am Schreibstil der Autorin, der gefällt mir ausnehmend gut, sie hat ein Gefühl für Worte und Sätze, die einem wirklich unter die Haut gehen. Aber ein Roman sind eben nicht nur die Worte und Sätze, ein Roman sollte ein Einheit sein, etwas das zusammengehört, nicht auseinanderdriftet. Nun kann ich ja nicht behaupten, meine Worte wären erhört worden, aber Leuchtende Schatten ist in seiner Gesamtheit so wunderbar, so poetisch und anschaulich geschrieben, dass mir das Lesen eine wahre Freude war. Trotz der Tragik des Textes! Wäre dieses Buch erstmals 2026 erschienen, es müsste auf der Longlist für den Buchpreis stehen, die gerade in dieser Woche veröffentlich wurde.
Iris Wolff, in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren, 1985 als Kind mit den Eltern nach Westdeutschland emigriert, hat sich in Leuchtende Schatten mit der Geschichte ihrer ursprünglichen Heimat und ihrer Familie auseinandergesetzt. Siebenbürgen liegt im Zentrum von Rumänien, ein Gebiet, das über 40 Prozent des heutigen Rumäniens ausmacht. Auch bekannt als Transsilvanien, Heimat von Graf Drakula, dem Vampir aus Bram Strokers Roman. Iris Wolff siedelt ihren Roman in Hermannstadt an, in der Zeit von 1943 bis 1945. Die deutschsprachige Bevölkerung unterliegt mehrheitlich dem Einfluss Hitlerdeutschlands, die Kinder werden im Sinne des nationalsozialistischen Mutterlandes erzogen, die Propaganda macht aber auch vor Erwachsenen und Jugendlichen nicht Halt.
Die Ich-Erzählerin Ella (eigentlich Elisabeth) ist zu Beginn 13 Jahre alt, wohnt mit ihrer Großfamilie am Rande der Stadt und geht auf ein Gymnasium. Die Großfamilie besteht aus einer robusten, pragmatischen Großmutter, ihren Eltern (den Franchys), sowie der Schwester der Mutter mit Ehemann (den Seilers) und den Kindern Daggi und Ferdi, die nur wenig älter als Ella sind. Um sie alle macht die Politik leider keinen Bogen, so dass verbale Konflikte und fatale Lebensentscheidungen tiefe Risse im Familienzusammenhalt verursachen. Die Väter werden sich freiwillig für die Waffen-SS bewerben, Ferdi bedauert zutiefst, dass er dafür zu jung ist. Die beiden Schwestern stehen sich teilweise beinahe feindlich gegenüber, wenn es um die Deutung von Sieg und Endsieg geht. Auch in der Schule macht sich die nationalsozialistische Volksbildung breit. 1943 steht Rumänien auf der Seite Hitler-Deutschlands im Krieg.
Im Frühjahr 1943 beginnt sich die Welt für Ella zu verändern, eine neue Schülerin kommt in die Klasse und zieht Ellas ganze Aufmerksamkeit an. Harriet Weissenberg aber gibt sich unnahbar, gibt den Annäherungsversuchen nicht nach, bis ein für sie beinahe tödlich endender Badeunfall alles ändert. Ella rettet Harriet vor dem Ertrinken und beide werden in der Folge unzertrennliche Freundinnen. Iris Wolff beschreibt diese Freundschaft, aber auch die Lebensverhältnisse, den kleinen Kosmos Hermannstadt mit so viel Anmut und Empathie, ich konnte mich kaum losreißen von diesem Buch. Harriets Geheimnis lauert im Hintergrund, wird lange nicht benannt und brennt doch durch die ganze Erzählung. Der erste Teil des Buches endet mit einem Familienfoto, der Fotograf von Hermannstadt verdient gutes Geld in jenen Tagen, alle wollen noch ein Abschiedsfoto machen lassen, bevor die Väter in den Krieg ziehen. Gerade in dieser unsicheren Zeit wurde Ellas Mutter endlich ein zweites Mal schwanger. Als das Baby, ein kleines Mädchen mit Namen Freya Helene, im nächsten Jahr getauft werden wird, kommt auch der Vater aus Deutschland, einige der berührendsten Szenen spielen sich zwischen ihm und Ella ab, Iris Wolff beschreibt das Zusammensein von Vater und Tochter, als würde sie es selbst erlebt haben. Aber Ella ist nicht nur Tochter, Enkeltochter Freundin oder Schwester, sie ist auch ein Teenager, heftig verliebt in Leo, den sie seit Kindertagen kennt.
Über den zweiten Teil will ich hier inhaltlich nichts preisgeben, das muss jeder Leser selbst miterleben, wie sich die Welt in und um Ella verändert, welche Erfahrungen sie macht, welches Leid der Krieg über sie und ihre Liebsten bringt. Mich hat es tief berührt. Dem Roman vorangestellt ist ein Liebesgedicht von Bertolt Brecht, Die Liebenden, es wird im zweiten Teil im Kapitel Kraniche noch einmal erscheinen und große Bedeutung gewinnen. Die letzte Zeile So scheint die Liebe den Liebenden Halt. als Menetekel zu sehen, ist nicht Ellas Empfinden, jedoch, schreibt Iris Wolff, ich fing an zu begreifen, dass ein Gedicht, das man liebte, einem das Gefühl gab, niemals mit ihm fertig zu werden. Vielleicht geht mir das mit diesem Roman ähnlich, denn er birgt viel mehr als nur erzählte Ereignisse und Gefühle.
Ich selbst besitze nur wenige Lyrikbände, eines ist Brechts Gedichte über die Liebe, die Gedichtauswahl erschien bei Suhrkamp 1982, auf Seite 141 das oben genannte Gedicht. Iris Wolff hat eines der schönsten für ihren Roman ausgewählt, für mich Anlass, den Gedichtband wieder einmal zu lesen. Ellas Vater hatte Recht, Brecht hat (wieder) viele Leser. Und es gibt immer auch Hoffnung.
Die Sprache von Iris Wolff ist kaum zu beschreiben, sie ist stilistisch meisterlich, ihre Geschichte zog mich in ihren Bann, auch wenn ich zum Schluss hin das Gefühl hatte, dass ihr der Mut zu einem Ende mit Paukenschlag fehlte, so hat sie mich doch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Die Freundschaft von Ella und Harriet wird mir ebenso unvergessen bleiben, wie die zarte Liebe zwischen Ella und Leo, die Freundschaft der beiden Cousinen Ella und Daggi, oder die unnachahmliche Ursula-Oma. Eingeflochten waren auch einige mundartliche Ausdrücke, die mich zum Lachen brachten, schmugeritzig für mager ist doch wunderbar, oder? Nur das Lied im Siebenbürger-Sachsen-Dialekt konnte ich für mich nicht ganz ins Deutsche übertragen.
Fazit: Dieser Roman hat mich lächeln lassen und rührte doch mich zu Tränen, zum Ende ein Zitat, das für das Ganze steht Nichts, sagte die Großmutter, wiegt uns in größerer Sicherheit als unser geringes Vorstellungsvermögen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.