Blutleere Dystopie über Mutterschaft
Was macht eine gute Mutter aus? 24/7 für das Kind da zu sein? Oder sich bei Überforderung Hilfe zu holen? Fest steht auf jeden Fall, dass Mütter es niemandem recht machen können, egal wie und was sie tun! Und Frida ist die Personifikation dieser Ungerechtigkeit."Ich bin eine schlechte Mutter. Aber ich habe gelernt, eine gute zu sein." dieser Satz läuft wie ein Mantra über Fridas Lippen, während sie im Institut für gute Mütter umerzogen wird. Wie kam es dazu? Sie hat, einen schlechten Tag gehabt - so drückt sie es zumindest aus und aus dem plötzlichen Bedürfnis heraus Zeit nur mit sich selbst zu verbringen, hat sie ihre Tochter, die noch keine zwei Jahre alt ist, über 2 Stunden, alleine in der Wohnung zurückgelassen. Was sie als kleinen Fehler bezeichnet, ist für die Kinderschutzbehörde ein großes Vergehen und so wird sie angezeigt und das Kind an den Vater übergeben, mit dem sich Frida das Sorgerecht teilt. Gust lebt mit seiner jüngeren Freundin Susanna und mit der er seine Frau schon in ihrer Schwangerschaft betrogen hat, ein selbstgerechtes Leben. Beide kümmern sich nun um die kleine Harriet die sich zunehmend von Frieder entfremdet.Diese wird verurteilt, ein Jahr lang im Institut für gute Mütter zu lernen, wie sich eine selbige verhalten soll.Das Institut entpuppt sich als Umerziehungsanstalt, in der Willkür und unmenschliche Methoden, Frauen lehren soll was Kinder brauchen. Sowohl die Art und Weise, als auch Erziehungsziele sind so absurd, teilweise unerreichbar und auf jeden Fall widersprüchlich, dass ich gekocht habe vor Wut beim Lesen. Als Übungobjekt bekommen die Frauen K.I. gesteuerte (und ihren eigenen Kindern sehr ähnliche) Puppen, die man auf den ersten Blick mit echten Menschen verwechseln könnte. Diese dienen nicht nur dem Training, sondern können an die Aufseherinnen auch Daten übermitteln. Die unterschiedlichen Lektionen haben einen Wettbewerbscharakter, in den sich die Frauen weitestgehend fügen, damit sie ihre eigenen Kinder wiederbekommen.Dieses dystopische Szenario könnte einen interessanten Hintergrund für einen gut ausgearbeiteten Plot bieten. Am Anfang war ich sehr an Atwoods " Report der Magd" erinnert und auch "1984" von Orwell lässt grüßen, doch an diese Meisterwerke reicht Chans Roman nicht ran. Über 400 Seiten lang sind wir in erster Linie Beschreibungen ausgesetzt. Wir lernen, was die Frauen sagen, machen und denken sollen und wie die Aufseherinnen dieses umsetzen. An Brutalität fehlt es genauso wenig wie an Unfähigkeit und Unkenntnis über die Entwicklung von Kindern. Mir ist bewusst, dass das gewollt war, doch wirkte es auf mich sehr konstruiert. Und so liest sich das Buch eher wie eine Gebrauchsanweisung mit passiv - aggressivem Unterton, denn wie ein Roman.Die feministische Botschaft ist sehr plakativ und unübersehbar. Wie ich eingangs schon erwähnte, geht es hier um die Sicht auf Mutterschaft und die Erwartungen, die gesellschaftlich an Frauen gestellt werden, aber unerreichbar erscheinen. Das zeigt die Autorin schon sehr deutlich, in dem sie die Protagonistinnen Situationen aussetzt, die ambivalent und utopisch sind. Sie macht es sich meiner Meinung nach aber zu einfach. Es fehlt die Raffinesse und die literarische Qualität.Es gibt niemanden in dieser Geschichte, für den ich nur annähernd Verständnis aufbringen konnte. Auch in Frida, die ihr Kind anfangs über 2 Stunden alleine ließ und das als Versehen abtun wollte konnte ich mich nicht rein fühlen. Ich habe Kontakte zum Jugendamt und habe gefragt, wie man hier verfahren würde und mir wurde bestätigt, dass man der Mutter das Kind erst mal entzogen hätte. Also keine Überreaktion von Seiten der Kinderschutzbehörde in diesem Buch und keinesfalls ein kleines Vergehen- was allerdings danach kommt, wäre in Deutschland so nicht möglich. Auch emotional hat Frida nicht gerade dazu beigetragen, eine Verbindung zum Geschehen herzustellen. Ich fand sie selbstbezogen und in Sorge um ihre eigenen Gefühle. Erst zum Ende hin habe ich eine Ahnung davon bekommen, dass sie sich auch um die Gefühle ihres Kindes und ihrer Puppe bemüht. Leider sind alle Personen kalt, abweisend und ICH-bezogen. Da nutzt auch die ein oder andere gewollt erotische Szene nichts, die ich übrigens eher abstoßend als anziehend fand was weniger an den Szenen an sich als an ihrer literarischen Umsetzung lag. Jegliches tun wirkte, als hätte ein DEMENTOR ihm das Leben ausgesaugt.Natürlich wollte ich wissen, wie die Geschichte ausgeht und habe deshalb tapfer bis zum Schluss ausgehalten. Gelohnt hat sich das tatsächlich nicht, denn auch das Ende ist so wenig mitreißend wie der ganze Rest. Ich kann also keine wirkliche Empfehlung aussprechen, könnte mir aber vorstellen, dass das Buch bei Fans von feministischen Dystopien positive Resonanz hervorruft.