Der Tatsachenroman Dance or Die von Jessika Westen, erschienen im Juni 2020 im emons-Verlag, zeichnet knapp 10 Jahre nach dem Event die Ereignisse der Loveparade-Katastrophe nach, die sich im Juli 2010 in Duisburg zugetragen hatte. Die Autorin erlebte die Geschehnisse als Live-Reporterin hautnah mit und interviewte Betroffene, Angehörige von Opfern, Augenzeugen sowie Ersthelfer, um den Verlauf der Tragödie in ihrem Buch wahrheitsgemäß abbilden zu können. Schonungslos legt sie die Entwicklung der Massenpanik dar, die den Tod von 22 Menschen zur Folge hatte und Hunderte Verletzte zählte.
Dazu nimmt die Autorin einerseits die Perspektive eines Sanitäters ein, der am Veranstaltungstag im Einsatz war, andererseits verfolgen wir auch Katty und ihre Clique, die sich am folgenreichen Morgen auf den Weg zum Event macht. Die Reporterin Emma komplettiert die Gruppe der drei Protagonisten und steuert aufschlussreiche Einblicke in die Berichterstattung am Einsatzort bei. Im Laufe der Geschichte verflechten sich die Erlebnisse der Hauptfiguren und machen so deutlich, wie schnell aus einer großen Party voller Spaß und Vorfreude eine ausweglose Situation entstehen kann, die schließlich zur Tragödie führte. Dabei besteht die Geschichte weitgehend aus Fakten konkret wird allerdings nicht genannt, welche Aspekte aus dramaturgischen Gründen oder zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte abgeändert beziehungsweise hinzugefügt wurden. So beginnt ein jedes Kapitel mit einem Ausschnitt eines realistischen Gespräches über Funk, es bleibt jedoch offen, ob diese Unterhaltungen eigens für das Buch entwickelt wurden oder in ähnlicher Form tatsächlich stattgefunden haben.
Im Nachgang einer so unvorhergesehenen Katastrophe stellt sich meist zunächst die Frage nach dem Warum. Die Suche nach Gründen und möglichen Auslösern beschäftigt sowohl Betroffene als auch Außenstehende, die lediglich von den Geschehnissen gehört haben. Diese Frage beantwortet Jessika Westen in ihrem Buch ausführlich. Durch das Zusammenspiel der drei unterschiedlichen Perspektiven analysiert sie, welche technischen Umstände und Entscheidungen sowohl seitens der Organisatoren als auch der Raver letztendlich dazu führten, dass Menschen durch die panische Menge erdrückt und totgetrampelt wurden.
Darüber hinaus bietet das Buch interessante Einblicke in die Arbeit von Ersthelfern und Fernsehreportern. Dennoch ist ein Vorwissen beispielsweise im Bereich Medizin oder Fernsehtechnik zum Verständnis nicht nötig. Im Vorsatz finden wir eine Karte des Veranstaltungsgeländes, auf der auch eine Schlüsselpunkte eingezeichnet sind, die die Visualisierung der Ereignisse vereinfachen und so sicherstellen, dass technische Details keine Verwirrung beim Leser auslösen.
Dance or Die ist keineswegs leichte Kost für zwischendurch, aber gerade aus diesem Grund eine fesselnde Geschichte, die im Gedenken an die Opfer eindrücklich schildert, wie essenziell es ist, stets die eigene Umgebung zu beobachten um, gerade im Rahmen von Großevents, im Zweifelsfall umzukehren, bevor es zu spät ist und es keinen Ausweg mehr gibt. Die Eskalation der Situation wird durch die detailgetreue Beschreibung der Geschehnisse spür- und nachvollziehbar. Eine Geschichte, die für einige vielleicht zu krass sein könnte, aber definitiv niemanden kaltlässt und nach dem Lesen noch lange nachhallt.