Gut sind die zitierten Expertentexte. Die autobiografische Selbstdarstellung hat mich verwirrt. Sie ist in sich so wirr und widersprüchlich, dass ich nicht weiß, wie viel davon Fakt ist, Sinnkonstruktion, fiktive Ausschmückung oder der Versuch, einer Selbstwerterhöhung.
Letzteres leider auf Kosten der Mutter, was menschlich aus der Verletzung der Autorin heraus verständlich ist, aber mit seiner Schuldzuweisungen sehr unfair verwaisten Eltern gegenüber, die dieses Buch ja möglicherweise auch lesen.
Das Buch ist jedoch eine gute Ergänzung zu anderer Literatur. Während in jener oft Hoffnung gestiftet wird, da die Lebenswege auch glücken können, zeigt Glaser, dass es auch schief gehen kann. Die Autobiografie der 1964 geborenen, die sich nach eigenen Worten in der Kindheit, im Grab, in der Jugend und im Rentenalter abspielt, zieht traurige Bilanz: Ich habe keine Bildung, keine Familie, ich habe nichts. Ich werde nie ein annähernd normales Leben führen können.
Das ist bitter. Aufrüttelnd aber auch demotivierend. Die Frage bleibt: Wie viel davon ist typisch für Ersatzkinder, wie viel ist typisch für Glaser?
Meine Suche, eine klare Linie in den Widersprüchen zwischen grandioser Selbsteinschätzung und massiver Selbstabwertung, posthumen Liebesbezeugungen und teilweise themenfrenden Diskreditierungen der Mutter, sowie der im Zeitverlauf dargestellten, teilweise jedoch eine Seiten später wieder revidierten Ereignisse zu finden, blieb erfolglos.
Vielleicht ist das ja die unausgesprochene Botschaft des Buches: Das traurige Scheitern eines Leben in inneren Widersprüchen, in dem selbst die eigene Identität ein Rätsel bleibt.
Positiv: gute fachliche Referenzen
Negativ: die Glaubwürdigkeit leidet unter den Widersprüchen, für Ersatzkinder sehr demotivierend, für verwaiste Eltern gar nicht bzw. nur mit ausreichend emotionalem Abstand empfehlenswert, da massive, wenn auch unberechtigte, Schuldgefühle getriggert werden können.
Fazit: Meines Erachtens gibt es bessere Literatur zu diesem Thema, aber es ist ein guter Einstieg.