Die Kapuzinergruft erzählt vom jungen Franz Ferdinand Trotta, einem Nachkommen jener Familie, deren Schicksal bereits in Radetzkymarsch mit dem Habsburgerreich verflochten war. Zwischen Wiener Kaffeehaus, galizischer Provinz, Kriegserfahrung und Nachkriegsverelendung entfaltet Roth eine elegische Chronik des Untergangs. Sein Stil verbindet klare, fast klassische Prosa mit melancholischer Ironie; im literarischen Kontext der Exilliteratur wird der Roman zu einer späten, schonungsvollen Diagnose europäischer Desintegration. Joseph Roth, 1894 in Brody geboren, kannte die Vielvölkerwelt der Donaumonarchie aus eigener Herkunft und Erfahrung. Als Journalist und Romancier beobachtete er nach 1918 den Zerfall politischer Ordnungen, die Entwurzelung des Einzelnen und den Aufstieg nationalistischer Ideologien. Im Pariser Exil schrieb er Die Kapuzinergruft 1938, im Jahr des Anschlusses Österreichs; persönliche Heimatlosigkeit, monarchische Nostalgie und historische Klarsicht prägen daher die innere Spannung des Buches. Empfohlen sei dieser Roman allen Lesern, die Literatur nicht nur als Erzählung, sondern als geistige Geschichtsschreibung begreifen. Die Kapuzinergruft ist knapp, kunstvoll und tief bewegend: ein Abgesang auf eine verlorene Welt, zugleich eine Warnung vor der moralischen Leere, die entsteht, wenn Tradition, Verantwortung und politische Vernunft zerbrechen.