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Bevor der Abend kommt

Roman. Deutsche Erstausgabe. Originaltitel: Lost. 'Goldmanns Taschenbücher'.
Taschenbuch
Cindy Carver hat es nicht leicht mit ihrer 21-jährigen Tochter Julia: Das bildschöne Mädchen träumt von der großen Karriere und entfernt sich dabei immer weiter von ihrer Mutter. Doch eines Tages verschwindet Julia spurlos. ... weiterlesen
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Produktdetails
Titel: Bevor der Abend kommt
Autor/en: Joy Fielding

ISBN: 3442457343
EAN: 9783442457342
Roman. Deutsche Erstausgabe.
Originaltitel: Lost.
'Goldmanns Taschenbücher'.
Übersetzt von Kristian Lutze
Goldmann TB

1. September 2004 - kartoniert - 416 Seiten

Beschreibung

Cindy Carver hat es nicht leicht mit ihrer 21-jährigen Tochter Julia: Das bildschöne Mädchen träumt von der großen Karriere und entfernt sich dabei immer weiter von ihrer Mutter. Doch eines Tages verschwindet Julia spurlos. Als die Ermittlungen der Polizei ergebnislos bleiben, macht sich die verzweifelte Cindy selbst auf die Suche nach ihrer Tochter. Und sie weiß - wenn Julia überhaupt noch am Leben ist, zählt jede Sekunde ...




Portrait

Joy Fielding gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller »Lauf, Jane, lauf« waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida.

Leseprobe

1. Der Morgen begann wie so oft mit einem Streit. Als es sp'r wichtig wurde, sich an den genauen Ablauf der Ereignisse zu erinnern und daran, wie alles so m'helos au'r Kontrolle geraten war, sollte Cindy angestrengt versuchen, sich zu vergegenw'igen, wor'ber genau sie und ihre 'ere Tochter gestritten hatten. Den Hund, die Dusche, die bevorstehende Hochzeit ihrer Nichte ' alles w'rde v'llig belanglos klingen, nicht wert, dass man laut wurde und erh'hten Blutdruck bekam. Ein Schwall von Worten, der 'ber ihre K'pfe hinwegwehte wie ein pl'tzlicher Sturm, Sch'n verursachte, die Fundamente aber intakt lie' Jedenfalls bestimmt nichts Au'rgew'hnliches. Der Beginn eines normalen Tages. Zumindest hatte es da noch so ausgesehen.
(Regieanweisung: Cindy in dem schmuddeligen gr'nblauen Frott'demantel, den sie sich gekauft hatte, kurz nachdem Tom gegangen war, kommt aus ihrem Schlafzimmer und trocknet sich ihr kinnlanges, braunes Haar ab; Julia am anderen Ende des Flures im ersten Stock, ein gelb-wei'gestreiftes Handtuch um den K'rper gewickelt, l't vor der Badezimmert'r zwischen ihrem Zimmer und dem ihrer Schwester auf und ab, Ungeduld brodelt aus ihrem gertenschlanken, ein Meter achtzig langen K'rper wie Lava aus einem Vulkan; Elvis, der permanent struppige, apricotfarbene Wheaten-Terrier, den Julia bei ihrem Wiedereinzug zu Hause vor knapp einem Jahr mitgebracht hat, bellt und h'pft in die Luft schnappend neben ihr hoch.)
'Heather, was in Gottes Namen machst du da drinnen?' Julia h'erte an die Badezimmert'r, erhielt keine Antwort und h'erte erneut.
'H'rt sich an, als w'rde sie duschen', bemerkte Cindy und bereute noch im selben Moment, sich 'berhaupt eingemischt zu haben.
Julia starrte ihre Mutter unter dem Mob ihrer aschblonden Haare hinweg an, die sie jeden Morgen m'hsam glatt f'hnte, um jede Andeutung ihrer nat'rlichen Locken zu tilgen. 'Offensichtlich.'
Cindy staunte, dass ein Wort so viel Geh'igkeit transportieren, so viel Verachtung mitteilen konn
te. 'Ich bin sicher, sie ist gleich fertig.'
'Sie ist schon seit einer halben Stunde da drinnen. Und f'r mich ist dann kein hei's Wasser mehr 'brig.'
'Es ist bestimmt noch jede Menge hei's Wasser da.'
Julia schlug mit der Faust ein drittes Mal gegen die Badezimmert'r.
'H'r auf, Julia. Wenn du nicht aufpasst, machst du sie noch kaputt.'
'Ja, klar. Als ob ich eine T'r einschlagen k'nnte.' Wie zum Beweis h'erte sie erneut gegen die T'r.
'Julia ''
'Mutter ''
Patt, dachte Cindy. Wie 'blich. So war es zwischen ihnen beiden gewesen, seit Julia zwei Jahre alt war und sich gestr't hatte, das wei' R'schenkleid anzuziehen, dass Cindy ihr zum Geburtstag gekauft hatte. Selbst nachdem Cindy ihre Niederlage eingestanden und ihr erkl' hatte, sie k'nne anziehen, was sie wolle, hatte die st'rrische Kleine sich geweigert, an ihrer eigenen Party teilzunehmen.
Mittlerweile waren neunzehn Jahre vergangen, Julia war einundzwanzig, und nichts hatte sich ge'ert.
'Bist du mit dem Hund drau'n gewesen?', fragte Cindy.
'Wann h'e ich denn das machen sollen?'
Cindy gab sich M'he, den sarkastischen Unterton in der Stimme ihrer Tochter zu 'berh'ren. 'Nach dem Aufstehen, so wie es sich geh'rt.'
Julia verdrehte ihre gro'n gr'nen Augen zur Decke.
'Wir hatten eine Abmachung', erinnerte Cindy sie.
'Ich gehe sp'r mit ihm raus.'
'Er ist schon die ganze Nacht hier drinnen eingesperrt. Wahrscheinlich muss er dringend raus.'
'Er kommt schon klar.'
'Ich will keine weiteren Unf'e.'
'Dann geh du doch mit ihm', fauchte Julia. 'Ich bin nicht gerade passend gekleidet f'r einen Spaziergang.'
'Sei nicht so stur.'
'Sei nicht so anal.'
'Julia ''
'Mutter ''
Patt.
Julia schlug mit der flachen Hand gegen die Badezimmert'r. 'Okay, Schluss jetzt. Alle raus aus dem Becken.'
Cindy empfand die Schwingung von Julias Hand auf der T'r wie eine Ohrfeige. Sie fasste sich an die Wange und sp'rte das Bren
nen. 'Das reicht, Julia. Sie kann dich nicht h'ren.'
'Das macht sie absichtlich. Sie wei' dass ich heute ein wichtiges Casting habe.'
'Du hast ein Casting.'
'F'r Michael Kinsolvings neuen Film. Er ist wegen des Filmfestivals in der Stadt und hat sich zu einem Casting f'r junge Talente aus der Gegend bereit erkl'.'
'Das ist ja toll.'
'Dad hat es arrangiert.'
Cindy zwang sich zu einem L'eln mit zusammengebissenen Z'en.
'Du machst es schon wieder.' Julia imitierte den gequ'en Gesichtsausdruck ihrer Mutter. 'Wenn du jedes Mal einen Anfall kriegst, wenn ich Dad erw'e ''
'Ich kriege keinen Anfall.'
'Die Scheidung ist jetzt sieben Jahre her, Mom. Komm dr'ber weg.'
'Ich versichere dir, dass ich gr'ndlich 'ber deinen Vater weg bin.'
Julia zog eine ihrer d'nnen, sorgf'ig gezupften Augenbrauen hoch. 'Wie auch immer, sie suchen eine Unbekannte, was wahrscheinlich hei', dass jedes M'hen in Nordamerika die Rolle haben will. Heather, Herrgott noch mal', br'llte Julia, w'end die Dusche stotternd versiegte. 'Du bist nicht die Einzige, die hier wohnt!'
Cindy starrte auf den dicken cremefarbenen L'er. Es war noch nicht ganz ein Jahr her, dass Julia beschlossen hatte, nach sieben Jahren Zusammenleben mit ihrem Vater, zu ihrer Mutter und ihrer Schwester heimzukehren, und das auch nur, weil die neue Frau ihres Vaters zu verstehen gegeben hatte, dass das 450-Quadratmeter-Penthouse mit Seeblick f'r drei Personen zu klein war. Julia hatte ihrer Mutter ebenso deutlich gemacht, dass sie nur vor'bergehend und aus finanzieller Notwendigkeit wieder zu Hause eingezogen war und sich eine eigene Wohnung nehmen w'rde, sobald ihre geplante Schauspielkarriere begonnen hatte. Cindy hatte ihre Tochter dankbar mit offenen Armen aufgenommen, um die verpasste Zeit, all die verlorenen Jahre wettzumachen, dass sogar der Anblick von Julias widerspenstigem, auf den Wohnzimmerteppich pinkelndem Hund ihre anf'liche Begeisterung nicht d'fen konnte.

Die T'r zu Heathers Zimmer ging auf, und ein Teenager in einem knielangen lila Nachthemd mit kleinen rosa Herzchen blinzelte verschlafen in den Flur. Zarte lange Finger schoben ungeb'igte Locken aus dem schmalen Botticelli-Gesicht und rieben die sommersprossengesprenkelte Stupsnase. 'Was ist denn das f'r ein L'?', fragte das M'hen, w'end Elvis hochsprang, um ihr Kinn abzulecken.
'Oh, verdammt noch mal', murmelte Julia w'tend, als sie ihre Schwester sah, und trat mit dem nackten Fu'gegen die Badezimmert'r. 'Duncan, beweg deinen knochigen Arsch da raus.'
'Julia ''
'Mutter ''
'Duncans Arsch ist nicht knochig', meinte Heather.
'Ich kann nicht glauben, dass ich zu sp'zu meinem Casting komme, weil der schwachsinnige Freund meiner Schwester meine Dusche benutzt.'
'Es ist nicht deine Dusche, er ist nicht schwachsinnig, und er wohnt schon l'er hier als du', protestierte Heather.
'Ein Riesenfehler', sagte Julia und sah ihre Mutter vorwurfsvoll an.
'Sagt wer?'
'Dad.'
Cindys Lippen verzogen sich mechanisch zu dem k'nstlichen L'eln, mit dem sie jede Erw'ung ihres Ex-Mannes kommentierte. 'Damit fangen wir jetzt lieber nicht an.'
'Fiona findet das auch', beharrte Julia. 'Sie sagt, sie kann nicht verstehen, was dich geritten hat, ihn hier einziehen zu lassen.'
'Ich hoffe, du hast dem d'ichen Spatzenhirn gesagt, sie soll sich um ihre eigenen Angelegenheiten k'mmern.' Die w'tenden Worte dr'ten f'rmlich 'ber Cindys Lippen, selbst wenn sie es gewollt h'e, h'e sie sie nicht zur'ckhalten k'nnen.
'Mom!' Heather riss entsetzt ihre dunkelblauen Augen auf.
'Also wirklich, Mutter', sagte Julia und verdrehte ihre gr'nen Augen erneut zur Decke.
Es war das 'wirklich', was Cindy den Rest gab. Es traf sie wie ein Pfeil ins Herz, und sie musste sich an der Wand abst'tzen. Und als wollte auch er noch dringend seinen Kommentar abgeben, hob Elvis ein Bein und pinkelte gegen die Badezimmert'r.
'Oh nein!'
Cindy starrte
ihre 'ere Tochter w'tend an.
'Guck mich nicht so an. Du warst schlie'ich diejenige, die geflucht und ihn damit so aufgeregt hat.'
'Mach es einfach weg.'
'Ich habe keine Zeit, es wegzumachen. Mein Vorsprechtermin ist um elf Uhr.'
'Es ist halb neun!'
'Du hast ein Casting?', fragte Heather ihre Schwester.
'Michael Kinsolving ist zum Filmfestival in der Stadt und hat beschlossen, ein paar Schauspielerinnen von hier f'r seinen neuen Film zu casten. Dad hat es arrangiert.'
'Cool', meinte Heather, und erneut verzogen sich Cindys Lippen zu einem frostigen L'eln.
Die Badezimmert'r ging auf und entlie'eine Dampfwolke in den Flur, gefolgt von der gro'n, schlanken Gestalt Duncan Rossis. Seine dunkle Haare fielen ihm in die verschmitzen braunen Augen, und er trug nichts weiter als ein kleines wei'elbes Handtuch um die H'ften und ein schr's L'eln im Gesicht. Rasch verschwand er in dem Zimmer, das er sich seit beinahe zwei Jahren mit Cindys j'ngerer Tochter teilte. Die urspr'ngliche Verabredung war nat'rlich gewesen, dass er einen leeren Raum im Keller bezog, ein Arrangement, das ganze drei Monate gehalten hatte. Weitere drei Monate leugneten alle Beteiligten das Offensichtliche, n'ich dass Duncan sich in Heathers Zimmer schlich, sobald Cindy eingeschlafen war, um morgens wieder zur'ckzuschleichen, bevor sie aufwachte, bis schlie'ich alle aufh'rten, sich etwas vorzumachen, ohne dass Duncans endg'ltiger Umzug in den ersten Stock je erw't worden w'.
In Wahrheit hatte Cindy kein Problem damit, dass Heather und Duncan miteinander schliefen. Duncan war ihr ehrlich sympathisch, er war r'cksichtsvoll und hilfsbereit im Haus und hatte es sogar geschafft, sein inneres Gleichgewicht und seine gute Laune zu bewahren, als auf der anderen Seite des Flurs der Mahlstrom namens Julia eingezogen war. Sowohl Duncan als auch Heather waren nette, verantwortungsbewusste Jugendliche, die seit ihrem ersten Jahr auf der Highschool zusammen waren und seither vo
n Heirat gesprochen hatten.
Das war das Einzige, was Cindy bisweilen wirklich Sorgen machte.
Manchmal betrachtete sie Duncan und ihre Tochter, w'end die beiden beim Fr'hst'ck Zeitung lasen ' Honey Nut Cheerios f'r ihn, Cinnemon Toast Crunch f'r sie ' und dachte, dass die beiden beinahe zu vertraut und gesetzt miteinander waren. Sie staunte, dass Heather sich so bereitwillig auf ein sicheres und fast spie'ges Leben einlie' und fragte sich, ob es etwas damit zu tun hatte, dass sie ein Scheidungskind war. 'Warum hat sie es so eilig, sich zu binden? Sie ist erst neunzehn. Sie geht aufs College. Sie sollte sich durch die Gegend schlafen', hatte Cindy ihren Freundinnen neulich zu deren Entsetzen anvertraut. 'Na ja, wann soll sie es denn sonst machen?', hatte sie hinzugef'gt und dabei an ihre eigene unfreiwillige Enthaltsamkeit gedacht.
Cindy konnte die Aff'n, die sie seit ihrer Scheidung gehabt hatte, an einer Hand abz'en, zwei in der unmittelbaren Folge von Toms abrupter Entscheidung, sie wegen einer anderen Frau zu verlassen, einer Frau, die er dann f'r eine dritte Frau sitzen gelassen hatte, als seine Scheidung von Cindy rechtskr'ig wurde. Sieben Jahre voller anderer Frauen, dachte Cindy jetzt, und jede j'nger und aufgetakelter als ihre Vorg'erin. Torten im Dutzend billiger, dachte sie und sp'rte, wie sie die Z'e aufeinander biss. Und dann kam die kleine Fiona, das frischeste T'rtchen von allen. Verdammt, sie war blo'acht Jahre 'er als Julia, noch nicht einmal eine Torte, sondern blo'ein Keks!
'Mom?', fragte Heather.
'Hmm?'
'Alles in Ordnung?'
'Mrs. Carver?' Duncan tauchte wieder neben Heather auf, hatte jedoch das Handtuch gegen eine modisch gebleichte Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt ausgetauscht, das er sich 'ber seine noch feuchte und v'llig unbehaarte Brust gestreift hatte.
'Sie denkt an meinen Vater', verk'ndete Julia missmutig.
'Was? Tue ich nicht.'
'Und warum dann das Leichenstarre-L'eln?'
Cindy atmete ti
ef ein, um ihre Mundpartie zu entspannen, und sp'rte, wie ihr Kinn verd'tig wackelte. 'Ich dachte, du h'est es so eilig, unter die Dusche zu kommen.'
'Es ist doch erst halb neun', sagte Julia, und Elvis fing an zu bellen.
'Will da etwa jemand einen Spaziergang machen?', fragte Duncan den Hund, der den jungen Mann als Antwort zunehmend hektisch umkreiste und noch lauter bellte. 'Na, dann los, alter Junge.' Elvis rannte, gefolgt von Duncan, die Treppe hinunter, als das Telefon in Cindys Schlafzimmer zu klingeln begann.
'Falls es Sean ist, bin ich nicht da', erkl'e Julia ihrer Mutter.
'Warum sollte Sean auf meiner Nummer anrufen?'
'Weil ich an meiner nicht drangehe.'
'Und warum gehst du nicht dran?'
'Weil ich mich von ihm getrennt habe, was er aber nicht akzeptieren will. Ich bin nicht da', wiederholte Julia, w'end das Telefon weiter klingelte.
'Und was ist mit dir?', fragte Cindy ihre j'ngere Tochter scherzhaft. 'Bist du hier?'
'Warum sollte ich mit Sean reden?'
'Ich bin in zwanzig Minuten zur'ck', rief Duncan an der Haust'r.
Mein bestes Kind, dachte Cindy und griff nach dem H'rer des Telefons auf ihrem Nachttisch.
'Ich bin nicht da', stellte Julia in der T'r stehend noch einmal klar.
'Hallo.'
'Ich bin's', meldete sich eine Stimme. Cindy lie'sich auf die Kante ihres ungemachten Betts sinken und sp'rte einen Kopfschmerz, der in ihrem Nacken zu pochen begann.
'Ist es Sean?', fl'sterte Julia.
'Es ist Leigh', fl'sterte Cindy zur'ck, und Julia verdrehte entt'cht die Augen Richtung Fenster zum Garten. Drau'n erweckte die Sonne an diesem sch'nen Tag Ende August die Illusion von Ruhe und Frieden.
'Warum fl'sterst du?', fragte Cindys Schwester. 'Du bist doch nicht krank, oder?'
'Mir geht es gut. Und dir? Du rufst reichlich fr'h an.'
'Fr'h f'r dich vielleicht. Ich bin schon seit sechs auf den Beinen.'
Nun war es an Cindy, die Augen zu verdrehen. Leigh hatte die Rivalit'zwischen G
eschwistern zu einer wahren Kunstform entwickelt. Wenn Cindy seit sieben Uhr wach war, war Leigh schon seit f'nf auf; wenn Cindy Halsschmerzen hatte, hatte Leigh Halsschmerzen und Fieber; wenn Cindy an einem Tag eine Million Dinge zu erledigen hatte, waren es bei Leigh eine Million und eins.
'Diese Hochzeit bringt mich noch ins Grab', seufzte Leigh. 'Du hast ja keine Ahnung, wie viel Planung eine Hochzeit von dieser Gr'' erfordert. Keine Ahnung.'
'Ich dachte, alles w' so gut wie geregelt.' Cindy wusste, dass Leigh die Hochzeit ihrer Tochter plante, seit Bianca f'nf war. 'Gibt es ein Problem?'
'Unsere Mutter macht mich vollkommen wahnsinnig.'
Cindy sp'rte, wie sich ihre Kopfschmerzen rapide 'ber Hinterkopf und Stirn bis zur Nasenwurzel ausbreiteten. Sie versuchte, sich ihre drei Jahre j'ngere, sechs Zentimeter kleinere und gut zehn Pfund schwerere Schwester vorzustellen, konnte sich jedoch nicht mehr an ihre Haarfarbe erinnern. In der vergangenen Woche war es ein dunkles Kastanienbraun gewesen, in der Woche davor ein beunruhigendes Karottenrot.
'Was hat sie jetzt wieder gemacht?', fragte Cindy widerwillig.
'Ihr Kleid gef't ihr nicht.'
'Dann nimm ein anderes.'
'Daf'r ist es zu sp' Das verdammte Teil ist schon gen'. Heute Nachmittag ist die Anprobe. Du musst unbedingt kommen.'
'Ich?'
'Du musst sie davon 'berzeugen, dass das Kleid fantastisch aussieht. Dir wird sie glauben. Au'rdem willst du doch bestimmt Heather und Julia in ihren Kleidern sehen.'
Cindys Kopf schnellte in Julias Richtung, die immer noch in der T'r stand. 'Heather und Julia haben heute Nachmittag auch eine Anprobe?'
'Kommt nicht in Frage!', rief Julia. 'Ich geh da nicht hin. Ich hasse dieses bl'de Kleid.'
'Um vier Uhr. Und sie d'rfen sich auf keinen Fall versp'n', fuhr Leigh fort, ohne etwas von Julias Gezeter mitzubekommen.
'Ich trage dieses scheu'iche lila Kleid auf keinen Fall', setzte Julia neu an und begann, vor der offenen T'r a
uf und ab zu laufen. 'Darin sehe ich aus wie eine riesige Weintraube.'
'Die M'hen werden da sein', erkl'e Cindy mit Nachdruck und beobachtete, wie ihre Tochter die Arme in die Luft warf. 'Aber ich kriege gerade ziemlich 'ble Kopfschmerzen.'
'Kopfschmerzen? Ich bitte dich, ich habe jetzt seit zwei Tagen Migr'. Au'rdem habe ich zig Dinge zu erledigen. Wir sehen uns dann um vier.'
'Ich geh da nicht hin', sagte Julia, als Cindy aufgelegt hatte.
'Du musst. Du bist eine Brautjungfer.'
'Ich hab zu tun.'
'Sie ist meine Schwester.'
'Dann zieh du doch das verdammte Kleid an.'
'Julia ''
'Mutter ''
Julia machte auf dem Absatz kehrt, verschwand im Bad am Ende des Flurs und knallte die T'r hinter sich zu.
(R'ckblende: Julia, als pummeliges Kleinkind mit Shirley-Temple-Locken, die ihre sommersprossigen Eichh'rnchen-B'chen rahmen, schmiegt sich an den Bauch der schwangeren Cindy, die ihr eine Gutenacht-Geschichte vorliest; Julia im Alter von neun, die stolz ihren Fiberglasgips pr'ntiert, nachdem sie sich bei einem Sturz vom Fahrrad beide Arme gebrochen hat; Julia mit dreizehn, schon fast einen Kopf gr''r als ihre Mutter, die sich trotzig weigert, sich bei ihrer Schwester daf'r zu entschuldigen, dass sie sie beleidigt hat; Julia im darauf folgenden Jahr, wie sie ihre Sachen in einen neuen Louis-Vuitton-Koffer packt, den ihr Vater ihr gekauft hat, ihn zu seinem vor dem Haus wartenden BMW tr' und ihre Kindheit ' und ihre Mutter ' hinter sich l't.)
Sp'r sollte Cindy sich fragen, ob diese Bilder eine Vorahnung der drohenden Katastrophe gewesen waren, des Ungl'cks, das im Begriff war zuzuschlagen, ob sie in irgendeiner Weise den Verdacht hatte, dass das Bild von Julia, die hinter der zuschlagenden Badezimmert'r verschwand, das Letzte sein w'rde, was sie von ihrer schwierigen Tochter sehen sollte.
Wahrscheinlich nicht. Wie h'e sie das ahnen sollen? Und warum? Es war noch viel zu fr'h am Tag, um sich der Tatsache bewusst zu s
ein, dass gro's Ungl'ck wie auch das B'se h'ig aus dem hoffnungslos Allt'ichen entspringt, dass entscheidende Augenblicke in der Gegenwart selten bedeutend sind und erst in der R'ckschau klar erkannt werden k'nnen. Der Morgen des Tages, an dem Julia verschwand, war deshalb f'r ihre Mutter vollkommen zu Recht nur der n'ste in einer langen Reihe vergleichbarer Vormittage, ihr Streit lediglich eine neue Episode einer permanenten Debatte. Nein, Cindy machte sich kaum tief sch'rfende Gedanken jenseits dessen, was offensichtlich war; Ihre Tochter machte ihr das Leben schwer, so weit nichts Neues.
Julia '
Mutter '
Schachmatt.

2. 'Ich hab einen tollen Mann kennen gelernt.'
Cindy starrte ihre auf der anderen Seite des Campingtischs sitzende Freundin an. Trish Sinclair war der Inbegriff achtloser Weltgewandtheit und altersloser Eleganz. Eigentlich h'e sie nicht sch'n sein d'rfen, doch genau das war sie, mit einem Gesicht voller konkurrierender scharfer Kanten und den unnat'rlich schwarzen Haaren, die ihre Modiglianiartigen Z'ge noch betonten und in dramatischen Locken auf ihre knochigen Schultern und den 'ppigen Brustansatz fielen, der sich 'ber dem obersten Knopf ihrer knallgelben Bluse w'lbte. 'Du bist verheiratet', erinnerte Cindy sie.
'Nicht f'r mich, Dummerchen. F'r dich.'
Cindy legte den Kopf in den Nacken, hielt ihr Gesicht in die Sonne und atmete den leichten Herbsthauch in der Luft ein.


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