Die Leidenschaft der Autorin für das Schreiben, für die Literatur springt relativ schnell auf die Leser*innen über ...
Dieses Buch von Juli Zeh kann man durchaus ein weiteres Mal lesen. Schaut man allerdings auf das Erscheinungsjahr (2013), wird einem leicht schwindelig: Was zehn Jahre schon? Damals wie heute überwältigt einen der Erzählstiel, leuchten die Beispiele, beschreiben die eingestreuten Textpassagen den Vorgang des Schreibens wie auch der Literaturentstehung aufs Trefflichste. Und in den meisten Passagen bleibt das Geschriebene wohl zeitlos gültig.Im "Klappentext" wird zwar von einem "Briefroman" gesprochen, allerdings ist wohl ein Großteil der hier abgedruckten "Briefe" nicht nur fiktionalen Inhalts, sondern auch Ausfluss eigener Erfahrungen. Wobei man als Leser nur mutmaßen kann, was dem einen, was dem anderen Bereich zuzuordnen ist. Dies macht das Lesen zu einem außergewöhnlichen Vergnügen. Mal ganz abgesehen davon, dass hier vor den Augen des Lesers eine großartige Landschaft der Literaturentstehung und den dort agierenden Mitspielern entfaltet wird. Die Briefe unterschiedlicher Länge, an ganz unterschiedliche Adressaten sprühen, neben der fachlichen Brillanz, vor Wortwitz und einer gewissen rotzlöffeligen Frechheit, beispielsweise, wenn die Literatur mit einem erotischen Vorspiel verglichen wird: "Kein kompaktes Rein-Raus-Fertig auf dem kürzesten Weg zum Höhepunkt - sondern ein geduldiges Umkreisen, Daran-vorbei-Sehen, mutwilliges Verweigern, wieder Anbandeln. Ein ausgedehnter Flirt mit dem Eigentlichen, der, wie jeder Flirt, eine Mischung aus Versprechen und Verweigerung ist."Der Titel des Buches ist mit symptomatischer Bedeutung geladen - ohne diesen allerdings totzureiten. In einer Art Einstreutechnik wird er in der Person des Karl Treidel zur Darstellung der Entstehung eines Romans verwendet und in der abgewandelten Form des "Treidelns" weist er auf unverbrämte Weise auf das Lebensende hin: "Wir stemmen uns, die Last unserer Biographie hinter uns her ziehend, gegen den Strom der unerbittlich auf uns zufließenden Zeit. Treideln voran, obwohl es kein Ankommen gibt. Kein Ziel. Sondern nur den sicheren Tod. Das Leben zum Tode, der noch nicht einmal ein Ende ist, sondern nur ein Nichts."Kurz: Die Leidenschaft der Autorin für das Schreiben, für die Literatur springt relativ schnell auf die Leser*innen über.(1.4.2023)