Eine Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt als Dreh- und Angelpunkt einer außergewöhnlichen Beziehungsgeschichte ...
"Über Menschen", "Unterleuten", die Ähnlichkeit in den Titeln der beiden Bücher von Juli Zeh ist natürlich kein Zufall. Das wird nicht nur an den subtil ausgewählten Titeln deutlich, sondern auch spätestens bei geschickt eingewobenen Schlenkern im aktuellen Buch der Autorin: "In solchen Gegenden stellt man noch eine Menge Windräder ab, verbietet den Pendlern den Diesel, versteigert die Felder der Bauern meistbietend an Investoren [...]". Geht es in "Unterleuten" primär um Windräder, ist in "Über Menschen" die Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt Dreh- und Angelpunkt einer außergewöhnlichen Beziehungsgeschichte. Beide Werken sind in fiktiven Orten in der "Sandbüchse Deutschlands", Brandenburg, angesiedelt, beide Werke gehen irgendwie verständnisvoll, ja man könnte sagen, fast liebevoll, mit dem besonderen Menschanschlag der "Leute vom Dorf" um. Und noch immer klingt mit: Und im Osten ist alles noch viel ausgeprägter (um den Begriff "schlimmer" zu vermeiden).Kaum einen Unterschied gibt es allerdings bei der tiefgründigen, dem Menschen zugewandten Auseinandersetzung mit den verschieden Themen - in dem ganz eigenen Juli Zeh-Sound. In den man sich durchaus verlieben kann: alle Worte am richtigen Platz, kein Wort verschwendet. Liebe durchweht auch "Über Menschen" und zwar auf eine schließlich so feinfühlige Art, dass einem vor lauter Fragen und mitfühlen ganz schwindelig wird. Dabei ist die Auseinandersetzung, trotz aller aufkommenden Fragen, immer deutlich: "'Das 21. Jahrhundert springt euch mit dem Arsch ins Gesicht. Jede Frau bei der Bundeswehr, jede Homo-Ehe, jeder Zuwanderer, jedes neue Klimapaket, das alles springt euch ins Gesicht, und zwar mit dem Arsch!'" Ohne jedoch den Menschen dabei aus den Augen zu verlieren oder auch: verloren zu geben.Ein "Dorf-Nazi" mit seiner Tochter, einem Hund, der auf den seltsamen Namen "Jochen-der-Rochen" hört, ein zuvorkommender Nachbar, zwei nicht nur pflanzenverliebte "rechte Gestalten" und das Dorf "Bracken", das zu mancherlei Wortspiel verführt, bilden die neue Heimat (?) der Protagonistin, die sich von ihrem Mann getrennt hat und nun auf dem Land eine neue Lebensform ausprobieren möchte. Denn schließlich kann man das "Home-Office" von nahezu jedem Platz auf dieser Erdkugel betreiben. Die Geschichte greift tief in die jüngere Vergangenheit der Republik ein, Stichwort: Rostock-Lichtenhagen 1992. Sie zeigt aber auch die Hintergründe für ein "Hineingeraten", für die Macht der jeweiligen Realität, sprich Umwelt. Und das alles nicht so einfach ist, wie es scheint oder wie man es haben möchte: "Horst Wessel und Hortensien. Könnte der Anfang eines dadaistischen Gedichts sein. Natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass Neonazis keine Hortensien mögen. Komisch ist es trotzdem [wenn man sie in ihrem Umfeld vorfindet]. Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könnte das Gute und das Böse spielend leicht auseinanderhalten."Dieses Buch ist auch ein Buch der Annäherung, möglicherweise der Aussöhnung, die, falls sie gelingen soll, wohl nur zwischen einzelnen Menschen selbst gelingen kann. Aber das wäre ja schon mal ein Anfang. Bleiben wir im Gespräch ...(27.4.2021)