Nach meiner viel zu langen Leseflaute habe ich dieses Buch in vier Tagen durchgelesen und konnte unmöglich aufhören! Es hat ultimativen Suchtfaktor!
Zuerst einmal der Erzählstil: wir haben zwei unterschiedliche POV, aber nicht aus der Ich-Perspektive. Das bevorzuge ich zwar, aber hier ist die Art zu erzählen trotzdem sehr direkt, schafft Nähe zu den Lesenden und man fühlt sich als wäre man mitten drin - genau wie ich es mag!
Zudem macht das Buch dem Dark Fantasy Genre einfach alle Ehre. Es ist düster, es gibt Schwarzmagier, Blutmagie, Zombies, Dämonen, düstere, unheimliche Orte, mieses Wetter, zwielichtige Gestalten und vieles mehr. Es ist unglaublich atmosphärisch und auch die Beschreibungen sind sehr gut eingebaut und stimmungsvoll.
Den Trope Enemies to Lovers beäuge ich ja immer mit Skepsis, aber hier wurde er hervorragend umgesetzt. Die beiden Hauptcharaktere sind wirklich aus triftigen, nicht an den Haaren herbeigezogenen Gründe echte Feinde und das ändert sich auch nicht so schnell.
Auf der einen Seite haben wir Nino. Er ist sehr authentisch, weiß, was er will und wer er ist, macht sein Ding und man weiß bei ihm, woran man ist. Seines Zeichens Schwarzmagier ist er wissbegierig, genießt seine Magie, liebt Bücher und ist sehr pragmatisch. Dennoch macht er auch Fehler, ist manchmal leichtsinnig, hat eine große Klappe und gerät in Schwierigkeiten. Er macht einem nicht vor etwas anders zu sein, als er ist, und er weiß, dass man die Welt nicht in gut und böse aufteilen kann. Er ist bi und geht damit sehr selbstbewusst um, denn in dieser Welt ist Queerness offenbar nichts bemerkenswert ungewöhnliches und das liebe ich!!
Auch optisch spricht er mich sehr an. Niemand hätte damit gerechnet (Ironie!), aber er war von der ersten Szene an mein Lieblingscharakter und ich feire den Charakter von Szene zu Szene mehr!
Auf der anderen Seite haben wir Kjeld und der hat es mir sehr schwer gemacht, ihn zu mögen. Er ist Inquisitor der heiligen Sonne und rennt damit einer ziemlich engstirnigen Ideologie nach, voller Doppelmoral und Vorurteile. Dabei glaubt er felsenfest, der Gute zu sein und dass er moralisch ohne jede Frage völlig einwandfrei ist und das richtige tut. Dass die beiden einander anfangs nicht leiden können, ist offensichtlich. Doch auch die Geschichte, wie die zuerst aufeinander treffen und wie es kommt, dass sie zusammen arbeiten müssen, ist plausibel und nachvollziehbar (bei dem Enemies to Lovers Trope keine Selbstverständlichkeit).
Natürlich kommen sie sich dann auch näher, doch wird ihr Verhältnis nicht darauf reduziert, dass sie plötzlich heiß aufeinander sind. Es geht vor allem darum, dass sie einander kennenlernen, die Perspektive des anderen versuchen, zu verstehen, rauszufinden, wie der andere tickt, zu verstehen, dass nicht alles in schwarz und weiß eingeteilt werden kann, das Feinde auch Freunde sein können und viel um Vertrauen. Die Charakterentwicklung beider ist toll zu beobachten und der Prozess des Annäherns ist wunderbar komplex geschrieben, es passt zur düsteren Atmosphäre, birgt aber trotzdem viele Momente zum Grinsen (was nicht selten mit Ninos großer Klappe zusammenhängt). Und auch wenn die einander nach und nach sehr attraktiv finden, so spüren wir das mehr, als dass wir es ständig unter die Nase gerieben bekommen und das mag ich sehr. Zudem sind auch noch männliche Charaktere, die über ihr Gefühle sprechen und Blumen schenken dürfen sie einander auch.
Was mir ebenfalls sehr gefällt, ist, dass beide POC sind, ebenso selbstverständlich ist, wie das sie queer sind. Ich bin immer sehr glücklich, wenn die Hauptcharaktere auch mit ihrem Aussehen von den normschönen, weißen Standard-Fantasyfiguren abweichen, ohne, dass ein großes Ding draus gemacht wird.
Auf Kosenamen reagiere ich ja enorm allergisch, aber dass Nino Kjeld immer wieder als seinen verbeulten Ritter bezeichnet, finde selbst ich knuffig und ich musste sehr lachen, als er das das erste Mal sagt.
Unerwähnt bleiben darf natürlich auch nicht Ofelia, die kleine Fledermaus, die Nino stets begleitet und die einen gewissen Niedlichkeitsfaktor in das düstere Setting bringt - sich nicht nur das, in ihr steckt noch viel mehr!
Zu guter Letzt das Cover: normalerweise mag ich keine Figuren auf Büchern und die meisten Fantasy-Cover mag ich auch nicht. Aber obwohl Kjeld und Nino drauf sind, finde ich den Stil sehr schön und passend zur Atmosphäre. Überraschenderweise mag ich dieses gelungene Cover trotz der Figuren sehr. Selbst die beiden Charakterkarten finde ich ansprechend und sie passen dazu, wie ich mir die beiden selbst vorstelle (ein Schriftzug der kunstschaffenden Person hätte auf den Karten nicht geschadet, aber vielleicht war das ja so gewollt, das kann ich natürlich nicht beurteilen).
Beim besten Willen - ich hab echt nichts zu meckern, ich lieb's einfach.
Also Fazit: ein absolutes Highlight-Buch, definitiv eins, das ich nenne, wenn ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt werde. Den zweiten Band hab ich mir gleich bestellt und ich freue mich drauf, ihn nachher zu beginnen.
Hier gibt es von mir ohne Frage fünf begeisterte Bücherstapel von fünf - mit Fledermaus