Dark Romance ist nicht gleich Dark Romance. Wer 2/3 düstere & extreme (Messer-)Erotik und nur 1/3 Handlung mag, wird hier fündig & glücklich
Noch bevor die Story beginnt, bin ich schon irritiert. Es wird eine Triggerwarnung ausgesprochen, die jedoch keinerlei konkrete Inhalte nennt. Zwar verstehe ich, dass eine detaillierte Liste zu Beginn spoilert, doch das vollständige Fehlen einer abrufbaren Triggerliste im Hörbuch, wie sie laut Leseprobe am Ende des Buches existieren soll, empfinde ich als problematisch. Gerade für Hörende, die auf solche Hinweise angewiesen sind, wäre eine alternative Lösung wünschenswert.Die Geschichte beginnt sofort sehr düster und bedrohlich. Ich lerne den Mörder kennen, der eine junge Frau dabei beobachtet, wie sie sein jüngstes Opfer in der sich immer weiter ausbreitenden Blutlache findet. Die Schilderung ist intensiv, verstörend und mit einer beklemmenden Mischung aus Macht, Gewalt und Begierde.Der nun folgende Perspektivwechsel bringt mir zunächst eine kleine Atempause. Ich lerne Maddy kennen, die Nachbarin des Mordopfers, die unabsichtlich über die Leiche stolpert. Ihre Reaktion darauf ist geprägt von morbider Neugierde, Angst und Ekel. Doch als der Mörder hinter ihr auftaucht, bekommt die Szenerie noch mehr Bedrohlichkeit und es mischt sich eine sexuelle Komponente darunter, die mich befremdet.Die Worte und Handlungen des Mörders sind eiskalt, kalkuliert und unausweichlich. Doch aus Maddys Perspektive wirkt er verboten charismatisch und der Kontrast zwischen Verbrechen und Verführung bereitet mir Unbehagen. Besonders als ein Messer mit ins Spiel kommt, steige ich emotional aus der Geschichte aus. Maddys Reaktion ist für mich an diesem Punkt nicht nachvollziehbar.Observed: Jedes Stück ist unser wird von den Ich-Perspektiven des Mörders, des Cops und Maddys erzählt.Der Mörder ist für mich eine sehr verstörende Figur. Sein Umgang mit Maddy ist geprägt von psychischer Manipulation, sadistischen Fantasien und Stalking. Besonders seine Vorliebe für die Verwendung seines Messers empfinde ich als abschreckend.Kevo Adler verstärkt in seiner Darstellung diesen Eindruck, in dem er den Mörder als sehr gestört inszeniert. Gleichzeitig erweckt die Sprecherin Franziska Buchwald in Maddy Perspektive für mich ein ganz anderes Bild, sodass ich ambivalente Gefühle für den Mörder hege.Der Cop ist in dieser Dreieckskonstellation die interessanteste Figur. Er hat im Verhältnis zu den anderen beiden Hauptcharakteren weniger Raum, bleibt dadurch jedoch rätselhaft und faszinierend. Er vermittelt Dominanz und Undurchschaubarkeit, gleichzeitig wirkt er auf mich verlässlich und gibt Maddy emotionale Sicherheit.Maddy hingegen ist die komplexeste Figur. Gefangen zwischen Angst und Neugier begibt sie sich in einen emotionalen Ausnahmezustand. Ihre Entwicklung ist jedoch nicht immer für mich nachvollziehbar, besonders in den Szenen, in denen Gewalt und Lust miteinander verschwimmen.Maddy ist kein Mäuschen und das beeindruckt mich wiederum. Sie ist aus einer schwer toxischen Beziehung geflohen und bringt den Mut auf, sich auf einen unbekannten sowie zutiefst gefährlichen Mann einzulassen.Die Perspektivwechsel verleihen der Geschichte überraschende Wendungen und einen tiefen Einblick in die Wahrnehmungen der Charaktere während des gleichen Geschehens. Manche Perspektiv- und Szenenwechsel sind für mich jedoch nicht nachvollziehbar, was mein Hörfluss stört.Die Grenzüberschreitungen in Observed: Jedes Stück ist unser sind genretypisch für Dark Romance und werden im Verlauf besonders stark durch Maddys Gedankengänge reflektiert. Durch die Einführung eines weiteren Antagonisten wird deutlich, wann Handlungen gegen Maddys Willen geschehen und wo sich die Grenzen zwischen erotisch-dominanten Szenen und tatsächlicher Gewalt verschieben. Hier werden auch toxische Beziehungsmuster eingeflochten, um den Unterschied hervorzuheben.Kristin Glimmer bedient sich einer sehr starken Bildsprache und setzt Metaphern wirkungsvoll ein. Leider verfällt sie stellenweise in klischeehafte Formulierungen und wiederholt bestimmte Ausdrücke auffällig häufig. Dies wirkt auf mich ermüdend. Extrem fällt mir das in einer Szene auf, in der Maddy gefühlt ununterbrochen errötet, bis ich mich ernsthaft frage, ob sie medizinische Hilfe benötigt.Die erotischen Zusammentreffen sind ausführlich und nehmen mehrere Kapitel ein. Zwar sind sie stellenweise anregend beschrieben, doch die Länge dieser Passagen geht zulasten der eigentlichen Handlung. Das ist besonders schade, da der Plot grundsätzlich Potenzial bietet.Voyeurismus, verbotene Begierde, Macht und Besitz sind in Observed: Jedes Stück ist unser zentrale Themen, die sich durch die gesamte Geschichte ziehen. Das Spiel zwischen Kontrolle und Verführung wird immer wieder durch lebensbedrohliche Situationen aufgeladen, was die Spannung erhöht. Dennoch verliere ich zwischendurch das Interesse, da die Handlung zu oft hinter den erotischen Elementen verschwindet.Das Hörbuch Observed: Jedes Stück ist unser wird von Franziska Buchwald und Kevo Adler gesprochen. Franziska Buchwald kann mich mit ihrer Darstellung von Maddy überzeugen und kann mir die emotionalen Nuancen der Figur glaubhaft vermittelt.Im Gegensatz dazu empfinde ich Kevo Adlers Interpretation der männlichen Hauptfiguren schwierig. Besonders in erotischen Szenen wirkt seine Darstellung des Mörders auf mich eher abstoßend als sinnlich. Die Diskrepanz zwischen den beiden Sprecherenden fällt mir immer dann auf, wenn die Tonalität der Dialoge nicht harmoniert. Zum Beispiel wenn Fransziska Buchwald eine Szene sinnlich-emotional auflädt, während Kevo Adler sie mit einer völlig anderen Energie spricht.Seine Darstellung des Cops hingegen empfinde ich als gelungen und verleiht ihm dadurch eine angenehme Tiefe.Kevo Adler bemüht sich, die Charaktere differenziert darzustellen. Die düstere, gestörte Seite des Mörders hebt er deutlich hervor, was mich lange darüber nachdenken lässt, ob ich hier zwei Seiten einer Medaille betrachte oder ob mehr dahintersteckt.Insgesamt muss ich sagen, dass Observed: Jedes Stück ist unser für meinen Geschmack zu sehr von den ausführlichen erotisch-dominierenden-gewalttätigen Szenen lebt. Mir fehlt ein klarer, sinnvoller Handlungsstrang, der auch ohne die erotische Komponente trägt. Dadurch bleibt die Geschichte oberflächlich und kann für meinen Geschmack keine echte Tiefe entwickeln.Erst zum Schluss zieht die Spannung deutlich an. Obwohl ich glaube, das Ende vorhersagen zu können, gelingt es Kristin Glimmer, Zweifel in mir zu säen.Das Finale bestätigt jedoch meine Erwartungen und hinterlässt bei mir lediglich ein müdes Lächeln. Leider keine Dark Romance, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird.Fazit:Ich sag es immer wieder gern: Dark Romance ist nicht gleich Dark Romance. Wer 2/3 düstere und extreme (Messer-)Erotik und nur 1/3 Handlung mag, wird hier fündig und glücklich. Für mich es eindeutig zu viel Spice und zu wenig Substanz. Schade.