Nach meiner Begeisterung für den ersten Band bin ich mit ziemlich hohen Erwartungen nach Three Pines zurückgekehrt - und vieles davon hat Louise Penny auch diesmal erfüllt. Trotzdem hinterlässt dieser zweite Fall bei mir deutlich gemischtere Gefühle.Three Pines selbst funktioniert für mich nach wie vor wunderbar. Ich mag dieses kleine Dorf mit seinen eigenwilligen Bewohnern, die vertrauten Begegnungen, den trockenen Humor und dieses besondere Gefühl, nicht einfach nur einen Krimi zu lesen, sondern Menschen wiederzutreffen, die langsam ein richtiges Eigenleben entwickeln. Genau das hat mich schon im ersten Band so begeistert und zieht mich auch hier sofort wieder hinein.Auch Gamache bleibt grundsätzlich eine Ermittlerfigur, die ich sehr gern begleite: ruhig, aufmerksam, beobachtend und menschlich. Mehrheitlich! Gerade deshalb hat mich der Umgang mit Nichol diesmal stellenweise irritiert. Dass sie im ersten Fall schwierig war, Fehler gemacht und Vertrauen verspielt hat, verstehe ich. Die Härte, mit der ihr teilweise begegnet wird, empfand ich trotzdem als erstaunlich.Noch stärker beschäftigt hat mich der Umgang mit der 14-jährigen Crie. Dass ihre eigene Mutter sie wegen ihres Körpers demütigt und immer weiter kleinmacht, gehört ganz offensichtlich zur Darstellung einer grausamen, psychisch misshandelnden Beziehung. Und ich glaube durchaus, dass Penny zeigen möchte, was solche Urteile mit einem jungen Menschen anrichten können. Gerade deshalb irritiert mich umso mehr, dass auch die Erzählung selbst und die Wahrnehmung anderer Figuren Cries Körper stellenweise ausgesprochen derb und abwertend beschreiben. Das passt für mich nur schwer zu der Empathie, mit der ihre Verletzlichkeit gleichzeitig erzählt wird. Nicht das Thema selbst hat mich gestört, sondern dieser Widerspruch: Ein Buch zeigt sehr eindrücklich die zerstörerische Kraft von Beschämung und greift dabei stellenweise selbst zu einer Sprache, die beschämt. Wollte Penny aufzeigen, dass alle stellenweise unangemessene Formulierungen verwenden; vielleicht unbewusst?Der eigentliche Kriminalfall wiederum ist raffiniert aufgebaut. Der Mord auf dem zugefrorenen See wirkt zunächst beinahe unmöglich, und Penny verteilt ihre Hinweise so geschickt, dass sich mehrere Erklärungen plausibel anfühlen. Manche Zusammenhänge habe ich erst rückblickend vollständig zusammensetzen können, was ich bei einem Krimi durchaus als Kompliment meine.Auch die grössere Geschichte innerhalb der Sûreté entwickelt sich spannend weiter. Misstrauen, Loyalitäten und die Frage, wem Gamache überhaupt noch vertrauen kann, laufen lange eher im Hintergrund und bekommen gegen Ende plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Besonders gelungen fand ich dabei, wie Penny meine bereits vorhandene Einschätzung einzelner Figuren geschickt für ihre falschen Fährten benutzt.Und trotzdem bleibt nach diesem zweiten Besuch ein kleiner Dämpfer zurück. Ich möchte unbedingt wieder nach Three Pines - nur diesmal nicht ganz so euphorisch wie nach meinem ersten Aufenthalt. Dafür gab es einige Stellen, an denen mich gerade die Sprache aus einer Geschichte geworfen hat, deren Menschlichkeit ich sonst so besonders finde.Die Figuren, der Ort, der trockene Humor, Gamaches Art zu ermitteln und Louise Pennys Gespür für zwischenmenschliche Feinheiten begeistern mich weiterhin. Vielleicht fallen mir deshalb gerade jene Momente besonders stark auf, in denen mir diese Feinfühligkeit plötzlich fehlt.Three Pines darf mich also definitiv behalten - Band zwei bekommt allerdings einen ziemlich deutlichen Klecks im Rezensions-Reinheft. Aber ich bleibe offen und gebe der Serie gerne noch eine weitere Chance, lese aktuell Band 3 und wurde noch nicht enttäuscht ;-)