Etwas arg überspitzte Handlung, in seinem Grundthema aber gar nicht so abwegig, sondern eher wie der düstere Blick in die Zukunft.
Beim Titel "Pipeline" musste ich unwillkürlich an das schwarze, flüssige Gold denken und war dann doch überrascht, dass es in Lucas Fassnacht neuem Thriller um Wasser geht und nicht um Öl. Die Stimmung war aber ähnlich explosiv wie im echten Leben, wenn es um die steigenden Preise an der Zapfsäule geht. Es wird gezündelt, gedroht, randaliert und gemordet in der südfranzösischen Gegend rund um Avignon. Die ertragreichen Böden entlang der Rhône versinken im Staub, weil der Fluss im weniger Wasser führt. Die größere Gefahr weit über den Landstrich hinaus geht allerdings von den Atomkraftwerken in Südfrankreich aus, die unbedingt Wasserzugang brauchen, um ihre Kühlung am Laufen zu halten. Der staatliche Energiekonzern lässt daher von einem deutschen Mittelstandsunternehmen eine Pipeline bauen, die Kühlwasser vom Mittelmeer ins Landesinnere pumpen soll. Das gefällt den Bauern gar nicht, denn sie bekommen vom Wasser nichts ab und verlieren allmählich ihre Lebensgrundlage. Als eine neu in Betrieb genommene Pumpstation in Flammen aufgeht, wird Cecilia Thoma als PR-Frau aus einer Hamburger Pharmafirma abgeworben, um in Frankreich die Gemüter zu beruhigen. Viel zu schnell gerät sie ins Visier der Protestbewegung und muss um ihr Leben bangen. "Pipeline" hat mich erstaunlich gut unterhalten. Erstaunlich, weil ich die Handlung als völlig überspitzt und unrealistisch empfunden habe und mich trotzdem dem Spannungssog nicht entziehen konnte. Das Figurenensemble war breit aufgestellt. Keinem konnte man so recht vertrauen und ich habe mich dennoch dabei erwischt, denen zu glauben, die es am wenigsten verdient hatten. Das spricht eindeutig für das gute Erzählen des Autors. Cecilias Rolle ist für mich völlig unglaubwürdig. Als Pressereferentin für einen deutschen Thrombosemittelhersteller scheint sie alles andere als geeignet, um das wildgewordene Wespennest in Südfrankreich zu beruhigen. So sieht es auch die erfahrene Projektleiterin vor Ort, die sich fügen soll, weil ihr Arbeitgeber Vogt vom Anteilseigner, dem Großkonzern Kneiss, überstimmt wurde. Im Vorstand von Kneiss bemüht man sich sehr um Cecilia, stellt ihr sogar eine Art Bodyguard zur Seite. Am Ende ist die Nummer noch viel größer als gedacht und Lucas Fassnacht hat klargestellt, dass in unserer globalisierten Welt der Zugang zu Wasser in naher Zukunft eine ähnlich große Rolle spielen wird wie das Ölvorkommen und langfristig über Macht und Geldverhältnisse mitbestimmen wird.