Poetisch, berührend, feministisches Retelling: Circe zeigt alte Mythen neu ¿ als Geschichte über Macht, Selbstfindung & Perspektive.
Circeist ein eindrucksvoller literarischer Balanceakt: einerseits ein treues Eintauchen in die Welt der griechischen Mythen, andererseits eine radikale Neuausrichtung dieser Geschichten durch die Augen einer Figur, die in den ursprünglichen Überlieferungen oft nur eine Randnotiz war. Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, wächst als unscheinbare und unterschätzte Göttin auf. Verstoßen von ihrer Familie und verbannt auf eine einsame Insel, entdeckt sie ihre eigene Magie ¿ nicht durch göttliche Privilegien, sondern durch Übung, Wissen und Willensstärke. Dort begegnet sie den großen Helden der Antike, von Daidalos über Medea bis hin zu Odysseus, doch im Mittelpunkt steht stets ihre eigene Stimme, ihre eigene Sicht auf die Welt.Besonders gelungen ist Millers Entscheidung, die altbekannten Mythen durch Circes Augen zu erzählen. So wird nicht Odysseus zum Helden oder Schurken, sondern vielmehr ein Nebencharakter in einer Geschichte, die ihm nicht gehört. Manche Leser:innen empfanden Millers Darstellung Odysseus¿ als zu negativ ¿ fast als ¿Dämonisierung¿. Ich sehe das anders: Miller verzerrt ihn nicht, sie zeigt ihn so, wie Circe ihn erlebt. Mythen sind keine unverrückbaren Wahrheiten, sondern lebendige Traditionen, die seit Jahrtausenden immer wieder neu erzählt werden. Homer selbst hat auf ältere Geschichten zurückgegriffen, Jorge Rivera-Herrans transformiert sie aktuell in EPIC: The Musical, und Miller tut nichts anderes: Sie verleiht einer marginalisierten Figur eine Stimme, eine Perspektive. Odysseus wirkt dadurch komplex, zwiespältig, manchmal faszinierend, manchmal erschreckend ¿ so, wie jeder Mensch, der durch die Brille einer anderen betrachtet wird.Die Handlung ist weniger von atemloser Spannung geprägt, sondern berührend, introspektiv und poetisch. Circes Kämpfe ¿ gegen Einsamkeit, gegen Ablehnung, gegen die Erwartungen von Göttern und Menschen ¿ sind zutiefst menschlich. Ich mochte, wie nachvollziehbar ihre Motive gezeichnet wurden: aus Schwäche wird Stärke, aus Zurückweisung wird Selbstbestimmung.das hier ist kein klassischer Abenteuerroman, sondern eine vielschichtige, literarisch dichte Neuerzählung, die vertraute Mythen verwandelt. Poetisch, berührend, kraftvoll. Wer Lust hat, alte Geschichten in neuem Licht zu sehen, wird dieses Buch lieben.