In ihrem Debüt "Der gefährlichste Ort" erzählt Maike Möller-Engemann von einem Mordfall, der schnell weit über die eigentliche Tat hinausweist. Ein Mann gesteht, seine Frau getötet zu haben, widerruft sein Geständnis jedoch kurz darauf. Beweise fehlen und die einzige Zeugin, seine neunjährige Tochter Ella, ist verschwunden. Staatsanwältin Mara Sandmann beginnt zu ermitteln und stößt dabei nicht nur auf immer neue Hinweise, sondern auch auf ein System, das Frauen und Kinder viel zu oft im Stich lässt.
Meine Meinung
Ich war ehrlicherweise am meisten darauf gespannt, wie sich ein so schwere Themen wie häusliche Gewalt und Femizide in einem Kriminalroman erzählen lassen. Denn gerade bei Gewalt gegen Frauen finde ich die Grenze zwischen gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Effekthascherei wichtig. "Der gefährlichste Ort" entscheidet sich dabei klar für eine politische Perspektive und macht klar deutlich, dass der Femizid nicht am Anfang einer Gewaltgeschichte steht, sondern vielmehr ihre Spitze sein kann.
Besonders gut gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur fragt, wer wie eine Frau getötet hat, sondern auch, welche Strukturen dazu führen können, dass Gewalt lange unbemerkt bleibt oder Betroffene nicht ausreichend geschützt werden. Themen wie Kontrolle, Partnerschaftsgewalt, Scham und die Frage, warum Frauen in gewalttätigen Beziehungen bleiben, nehmen dabei viel Raum ein. Eine Figur bringt es ziemlich eindrücklich auf den Punkt: »Frau Krieger, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber wenn Sie Saskia Decker so gut kannten, erlauben Sie mir die Frage: Warum hat sie es überhaupt ausgehalten?« »Man lernt seinen Peiniger lieben, Herr Speck.« (S. 190)
Die Auseinandersetzung mit der Scham fand ich unglaublich spannend. Denn die Frage, warum eine Frau nicht einfach geht, klingt von außen oft so viel einfacher, als sie in der Realität ist. Im Roman wird erklärt: Es ist meistens die Scham, die Frauen in diesen Beziehungen bleiben lässt. Viel zu lang. (S. 192) Das fand ich wichtig, weil es den Blick weg von der vermeintlichen Mitschuld der Betroffenen und hin zu den Mechanismen lenkt, die Gewaltbeziehungen überhaupt so schwer durchbrechbar machen.
Auch die Perspektive der Kinder hat mich beschäftigt. Ella erlebt Gewalt nicht nur als Beobachterin, sondern versucht als Kind, das Verhalten der Erwachsenen irgendwie zu verstehen. An manchen Stellen wollte ich sie am liebsten in den Arm nehmen: Ella hat sich gefragt, was Papa mit Mama gemacht hat. Vielleicht wieder ein Spiel. Ein Unterricht im Theaterspielen. (S. 85)
Den Titel hätte man nicht passender wählen können. Während man durch mediale Berichterstattungen leider allzu oft den Eindruck gewinnt, dass vor allem öffentliche Räume eine Gefahr für Frauen darstellen, ist im Endeffekt das eigene Zuhause, das eigentlich Schutz und Sicherheit bedeuten sollte, der gefährlichste Ort.
Überhaupt mochte ich, dass der Roman immer wieder deutlich macht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur eine individuelle Angelegenheit ist. Im Nachwort schreibt die Autorin sehr klar, dass Femizide und Gewalt gegen Frauen kein Randproblem, sondern ein systemisches Problem unserer Gesellschaft sind. Gerade dieses Nachwort fand ich ausgesprochen wichtig. Bei Krimis und Thrillern, die sich mit realen gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, schätze ich es sehr, wenn Autor:innen ihre Motivation und welche Realität hinter der Geschichte steht, einordnen.
Sprachlich ist mir positiv aufgefallen, dass die Autorin auf gendergerechte Sprache achtet. Gleichzeitig werden im Roman teilweise problematische bzw. diskriminierende Begriffe verwendet, ohne dass diese immer eingeordnet werden. Das hat mich an einigen Stellen gestört und gerade bei einem Buch, das sich so deutlich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen auseinandersetzt, hätte ich mir hier mehr Sensibilität gewünscht.
Erzählerisch hat mich "Der gefährlichste Ort" nicht vollständig abgeholt. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich richtig in die Geschichte hineingekommen bin, und hatte gerade am Anfang Schwierigkeiten, die verschiedenen Figuren auseinanderzuhalten. Danach habe ich das Buch zwar relativ flott gelesen, aber der große Sog, den ich mir erhofft hatte, wollte bei mir nicht ganz entstehen.
Auch am Ende hätte ich mir etwas mehr Raum gewünscht. Der eigentliche Hauptfall wird aufgelöst, danach rückt noch eine persönliche Geschichte von Mara Sandmann in den Mittelpunkt. Dass diese Geschichte am Ende offen bleibt, fand ich grundsätzlich interessant. Gleichzeitig kam mir dieser Teil etwas schnell und abrupt vor. Ein paar zusätzliche Seiten hätten für mich noch mehr rausholen können.
Trotzdem finde ich es sehr (!) wichtig, dass Bücher wie "Der gefährlichste Ort" geschrieben und gelesen werden. Denn Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst mit einem Femizid. Kontrolle, Einschüchterung, Demütigung und Partnerschaftsgewalt sind Teil derselben Problematik und genau diesen größeren Zusammenhang versucht der Roman sichtbar zu machen.
Fazit
"Der gefährlichste Ort" hat mich vor allem inhaltlich überzeugt. Maike Möller-Engemann greift ein unglaublich wichtiges Thema auf und beschränkt sich dabei nicht auf den spektakulären Kriminalfall, sondern schaut auf die gesellschaftlichen Strukturen dahinter. Besonders das Nachwort und die Auseinandersetzung mit Scham, Gewalt und dem Umgang mit Betroffenen haben mich gekriegt. Erzählerisch hat es bei mir dagegen nicht ganz zu hundert Prozent Klick gemacht. Ich brauchte etwas, um in die Geschichte hineinzukommen, fand manche Figuren zunächst schwer auseinanderzuhalten und hätte mir gerade am Ende noch ein paar Seiten mehr gewünscht. Vielen Dank an Netgalley.de und den Emons Verlag für das Rezensionsexemplar.