Kein Mensch altert mehr, niemand stirbt, das Leben wird im Hier und Jetzt eingefroren. Klingt doch perfekt - oder
Plötzlich steht die Welt buchstäblich still: Aus ungeklärter Ursache altern die Menschen in Maja Lundes jüngstem Roman nicht mehr. Ein wahrgewordener Traum - vor allem für Jenny, die gerade im Krankenhaus eine Hiobsbotschaft bekommen hat und weiß, dass ihre beiden Jungs ohne Mutter aufwachsen werden. Geschenkte Zeit! Wie Jenny feiern zunächst viele den Stillstand als Sieg über Alterung und Tod, als Festhalten des eigenen Lebensglückes. Doch nach und nach kommen Zweifel auf. Beispielsweise bei Philipp, der an eine Verschwörung glaubt. Immerhin liegen die Menschen, die nach einem langen Leben oder tödlichen Unfällen den Gesetzen der Natur nach tot sein müssten, auf einer nicht zugänglichen Station in der Klinik. Und da ist die ältere Dame, die zur beschäftigungslosen Mitarbeiterin im Bestattungsinstitut kommt, weil sie spürt, dass ihr Leben an ein Ende gelangt ist. Sie plant schließlich ihre eigene Trauerfeier. Was ist mit den Kindern, die im Mutterleib heranwachsen sollten und nun wie eingefroren sind, am Leben und doch ohne Entwicklung und Perspektive? Diese Sorge treibt den werdenden Vater Jakob um.Mit gewohnt nachdenklichem Blick und einem vielstimmigen Erzählstrang geht Maja Lunde der Frage nach, was unser Dasein ausmacht und in welchem Verhältnis Mensch und Natur zueinander stehen. Nicht ohne Grund lesen wir, wie die Liebe des Rentners Otto zu Pflanzen immer stärker zu einer Besessenheit wird. Immerhin verändern sich Stauden oder Bodendecker, sie wachsen und welken. Auch Jenny verfällt in einen Rausch und streift in der Stadt umher auf der Suche nach dem perfekten Foto des Stillstands.Was wäre, wenn wir für immer jung sein dürften? Wenn wir keine Nahrung zum Leben bräuchten und alle Zeit der Welt hätten, die Dinge zu tun, die wir tun wollen? Oder ist es gerade unsere Vergänglichkeit, die das Leben am Ende kostbar und einzigartig macht? In dem mit leichter Hand und fesselnd geschriebenen Roman wird nicht alles aufgelöst und die Figuren sind etwas reißbrettartig auf ihre erzählerische Bestimmung und eine nicht allzu komplexe Botschaft hin entworfen. Doch auch dieses Buch von Maja Lunde ist eine gewohnt spannende Lektüre, bei der letztendlich gilt: Man merkt die Absicht und ist nicht verstimmt.