Moa Herngren scheint bei ihren Themen ein Faible für Familienbeziehungen zu haben. Ich habe mit ihrem aktuellsten Roman Geschwister begonnen, gefolgt von Schwiegermutter, und bin nun bei ihrem ersten Buch angelangt. Darin geht es um das Paar Bea und Niklas, bei denen die Gewissheit eines gemeinsamen Lebens plötzlich zerbricht.
Tragisch ist allerdings, dass nur Niklas das so sieht. Bea fällt aus allen Wolken, als ihr Mann nicht mehr nach Hause kommt und ihr signalisiert, dass er Abstand braucht. Es muss ein Schock sein, wenn der Mensch, den man für immer für selbstverständlich hielt, plötzlich eine völlig unbekannte Version von sich selbst zeigt. Die Autorin fängt dieses Gefühl des Kontrollverlusts und der Verwirrung sehr gut ein. Man spürt, wie die Welt unter den Füßen wegbricht.
Die sich anbahnende Beziehungskrise und den Trennungsprozess sehen wir aus beiden Blickwinkeln. Mein Mitgefühl für Bea, die ihrem Mann mal deutlich, mal subtil ihren Willen aufdrängt, hielt sich in Grenzen. Mehr Verständnis hatte ich für Niklas. Er ist der Typ Mensch, der sich immer mehr Arbeit aufbürdet und seine eigenen Wünsche zurückstellt, nur um den steigenden Forderungen seiner anspruchsvollen Frau und der Töchter gerecht zu werden.
Herngren erzählt eindringlich, welche Opfer Menschen aus reinem Pflichtgefühl bringen und wie gefährlich es ist, bis zum Kollaps weiterzumachen. Manchmal wird der Druck so groß, dass er uns zwingt, unsere gesamte Realität zu überdenken. Der Roman überzeugt durch seine emotionale Tiefe und die Fähigkeit, komplexe Beziehungskrisen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Im Vergleich zu ihren anderen Werken habe ich allerdings einen überraschenden Plot oder eine unerwartete Wendung vermisst.