Nachdem mich ihr Roman Geschwister so begeistert hat, konnte ich es nicht abwarten zu erfahren, wie Moa Herngren eine weitere Familienbeziehung unter die Lupe nimmt: die Schwiegermutter. Es geht um Åsa, die ihren Sohn Andreas und dessen Freundin Josefin für eine Weile bei sich aufnimmt, weil in deren Wohnung Reparaturen anstehen. Für Åsa eine willkommene Gelegenheit, Josefin besser kennenzulernen. Doch wie so oft im Leben kommt es anders.
Josefin schottet sich ab, verhält sich feindselig und hetzt Andreas gegen Åsa auf. Die Wohnung wird zum emotionalen Minenfeld. Als Andreas eine Therapie beginnt, kommen alte Konflikte aus seiner Kindheit zum Vorschein. Plötzlich ist Åsa gezwungen, die Erinnerungen an ihre glücklichen Jahre mit ihrem Sohn, den sie allein großgezogen hat, in Frage zu stellen. Dass sie Kommunikationsberaterin ist, macht die Sache nicht einfacher. Es ist unglaublich, wie unterschiedliche Wahrnehmungen aufeinanderprallen! Wie das Selbstbild zerfällt, und wie bedrohlich auf einmal das Fremdbild wird.
Was Moa Herngren so genial macht, ist, dass sie nichts schwarz oder weiß lässt. Es sind genau diese feinen Nuancen und differenzierten Blicke, die ich so schätze. Åsa meint es zwar eigentlich gut, aber sie lässt sich von ihren eigenen Gefühlen mitreißen und schießt oft über das Ziel hinaus. Doch muss sie deswegen gleich verstoßen werden? Ich konnte mich so gut in sie hineinversetzen ihre überwältigende Liebe, ihre Wut, Verlustängste und Resignation. Besonders berührend ist, welche einschneidenden Erlebnisse dahinter stecken.
Genauso spannend ist Andreas mühsamer Weg zur Selbstfindung und welche Muster sich ironischerweise wiederholen. Es wird deutlich, wie konfliktreich der Rollenwechsel in einer Familie sein kann und und wie auf tragische Weise Schuldgefühle zu Fehlentscheidungen führen können. Ich bin regelrecht durch die Seiten geflogen. Mit diesem Roman ist Moa Herngren zweifellos in die Riege meiner Lieblingsautorinnen aufgestiegen!