
Anton ist Witwer, in Rente, und lässt seine Tage in Gleichmut verstreichen. Bis er erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Wer wird sich an ihn erinnern? Obwohl nicht mehr viel Zeit bleibt, nimmt Anton all seinen Ehrgeiz zusammen. Um etwas zu hinterlassen, das ihn überdauern wird. Er beginnt, ein Buch zu schreiben, zu fotografieren, zu malen. Und versteht immer mehr, dass alles, was ihm Freude bringt, flüchtig und vergänglich ist. Die Möwe und die Taube am Fenster, die er als Haustiere adoptiert. Die Nähe zu Katharina, der hellwachen Schauspielerin, und die langen Gespräche am Meer mit dem jungen Existenzialisten, der so sehr an allem zweifelt, dass er nicht mehr leben will. Während die beiden Freunde werden, merken sie, was sie voneinander lernen können und was das Leben lebenswert macht.
Das erstaunliche Debüt von Nelio Biedermann, dessen zweiter Roman «Lázár» 2025 erschien. «Anton will bleiben» ist ein Buch über die Vergänglichkeit und die Zeit - und vor allem eine Geschichte über Freundschaft und den Mut, neu zu beginnen.
«Dieses Buch ist eine Schatzkiste, nicht nur an philosophischen Gedanken, sondern auch an humorvollen, filmreifen Szenen. Erstaunlich, wie gekonnt und mit welch scheinbarer Leichtigkeit der junge Autor über Freundschaft, das Dasein im Alter und die Endlichkeit zu schreiben vermag.»
Luzerner Zeitung
Besprechung vom 01.03.2026
Warum ist er so ungeheuer erfolgreich?
Nelio Biedermann steht mit seinem Roman "Lázár" seit einem halben Jahr auf der Bestseller-Liste. Jetzt will Tom Tykwer das Buch verfilmen lassen. Was der Erfolg über die Bedürfnisse von Lesern sagt - und über die Literaturkritik.
Von Julia Encke
Wenn ein Schriftsteller mit 22 Jahren einen Roman schreibt und seit einem halben Jahr auf der "Spiegel"- Bestsellerliste steht, kann man ihm dazu nur gratulieren. So ein Erfolg ist überwältigend - vor allem für den Autor selbst, aber natürlich auch für seinen Verlag. Zugleich stellt sich die Frage, wer oder was dieses Buch so ungeheuer erfolgreich gemacht hat und was dieser Erfolg bedeutet: für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, für die Zeit, in der es erscheint, für die Leserinnen und Leser, bei denen dieses Buch ganz offensichtlich einen Nerv trifft, aber auch für die Literaturkritik.
Die Rede ist von "Lázár", dem Roman des Schweizer Schriftstellers Nelio Biedermann. Der war für diesen Roman - es ist sein zweiter - schon berühmt, bevor dieser überhaupt erschienen war: Die Zürcher Liepman Literary Agency hatte ihn im Sommer 2024 angeboten, sieben Verlage sollen sich da schon in einer Auktion um ihn bemüht haben, Biedermann entschied sich für Rowohlt Berlin. Und gleich auf der Frankfurter Buchmesse wurden die Übersetzungsrechte für knapp zwanzig internationale Verlage verhandelt.
"Lázár" war also schon eine große Nummer, als das Buch ein Jahr später, am 1. September 2025, erschien. Daniel Kehlmann hatte es vorab auch gelesen und anstelle eines Blurbs, also eines kurzen lobenden Satzes hinten auf dem Buchumschlag, eine Kurzrezension verfasst, die das Buch, das vom Adel handelte, auch gleich literarisch adelte: ",Lázár' ist ein erstaunliches Buch - eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, voller zutiefst origineller Charaktere und packender Szenen", so Kehlmann, "manchmal realistisch, dann wieder verstörend traumartig." Der Roman sei in jeden Fall ein Ereignis, aber der Umstand, dass sein Autor gerade erst das Erwachsenenalter erreicht habe, mache sein Erscheinen zu einem "Donnerschlag": "Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne im Vollbesitz seiner Fähigkeiten." Mehr geht wohl nicht.
Die Vorlage war perfekt, und die Kritik überschlug sich wie programmiert: Vom "Geniestreich" über "Entdeckung der Saison" bis zum "neuen Zauberer" war alles dabei, wobei auffiel, wie die Formulierungen der Rezensionen die vom altertümlichen Pathos durchzogene Sprache des Romans zu imitieren versuchten. Da war von "Sätzen" die Rede, "so schön gebaut, dass sie leuchten". Rezensionen begannen im Stil eines Romanbeginns: "Zu Anfang dieses Jahrtausends wuchs ein Junge in der Nähe von Zürich auf, dessen Mittelschichtsleben kaum gewöhnlicher sein könnte. . . ." Oder es hieß hingebungsvoll: ",Lázár' ist wie ein Sturm, der uns fortreißt, der uns durch die Geschichte wirbelt und am Ende sanft in unser Leben entlässt."
Auch der Regisseur Tom Tykwer las den Roman und war begeistert. Erst kürzlich gab die Berliner Produktionsfirma X Filme eine Presseerklärung heraus, in der sie verkündete, sich die Verfilmungsrechte an Nelio Biedermanns Bestseller-Roman gesichert zu haben. "Wir wollen neue Wege gehen", sagte darin der Geschäftsführer Uwe Schott, "und suchen dafür nach ebenso eigensinnigen wie einzigartigen Stoffen. Deshalb ist 'Lázár' ein großes Geschenk für uns." Und Tykwer ergänzte: ",Lázár' hat mich sofort gepackt und nicht mehr losgelassen. Ein Buch, das uns durch die Gezeiten des Lebens - und des Liebens - treibt und dabei auf verstörend intensive Weise glücklich macht."
Für alle, die "Lázár" nicht kennen, muss man an dieser Stelle erwähnen, dass an dem Buch eigentlich gar nichts neu ist, sondern im Gegenteil das Allermeiste bekannt; dass womöglich gerade das Spiel mit dem Bekannten der ganze Witz des Romans sein könnte, wenn er denn wenigstens witzig wäre. Wie man mit einer Geschichte "neue Wege beschreiten" kann, die anhand einer weit verzweigten ungarischen Adelsfamilie vom Untergang des Habsburgerreichs über eben mal den Ersten Weltkrieg, Hitler, Stalingrad, die Vergewaltigungen durch die Rote Armee, den ungarischen Volksaufstand bis hin zu einer Flucht in die Schweiz durch die Zeit rennt, ist jedenfalls erst mal ein Rätsel. Es liegt auch nicht nahe, wenn man sich vor Augen führt, in welcher Sprache der Roman geschrieben ist: in einem Stil nämlich, der Ausdrucksformen der erzählten Epoche nachzuahmen versucht. Das fängt mit dem ersten, mit Bedeutung voll beladenem Satz an: "Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den er bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird." Und es geht immerzu weiter, gern auch in Sexszenen, in denen einer "sein Gesicht in ihrem nur selten gewaschenen Schoß versenkt" oder "der Säbel zwanghaft ins Fleisch stößt."
Dass ein 22-jähriger Schriftsteller meint, seine Sprache mit einer solchen Patina versehen zu müssen, ist das eine. Das kann er machen. Und wenn es Leserinnen und Leser gibt, die eine Geschichte vom untergehenden Adel mit - trotzdem - Happy End in historisierender Manier unterhaltsam finden, soll ihnen das niemand nehmen. Da Nelio Biedermann in Interviews erzählt hat, dass er für die Recherche an seinem Roman nach Budapest gefahren ist, wo ein Großonkel die Überbleibsel seiner Familiengeschichte verwahrt, um die es in dem Buch auch gehe, fragt man sich trotzdem, warum er diese nicht aus der Perspektive der Gegenwart heraus erzählt hat. Ein solcher Zusammenprall von Gegenwart und Vergangenheit, erzählendem Jetzt und erzähltem Gestern, wäre sicher interessant gewesen und hätte den Roman als Dialog nicht nur im Heute verankert, sondern zugleich auch etwas über die Gegenwart gesagt, in der wir leben.
Doch scheint es in der Geschichte des im Waldschloss geborenen Lajos und seinen Nachfahren Eva und Pista vielmehr darum zu gehen, eine vergangene Welt im Zeitraffer wiederauferstehen zu lassen, was für Leser des Romans auch ein eskapistisches Angebot und sicher Teil des Erfolgs ist: "Lázár" ist eine schwelgerische Reise in eine Vergangenheit, in der die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts maximal auf "Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch" verweisen, auf etwas also, das wir schon kennen. Deshalb kommt man lesend auch so ungestört und abgefedert durch den Roman. Alles ist im Fluss, die Zeit, oft Sperma, die Erzählung sowieso. So trägt es einen durch die Jahrzehnte.
Warum die Kritik bei Erscheinen aber so besonders begeistert war, lag an etwas anderem: Nelio Biedermanns Roman ist randvoll mit literarischen Verweisen. Es tauchen nicht nur in der Handlung bekannte Schriftsteller auf, sondern vor allem auch Figuren, die passionierte Leser sind. Zugleich zitiert Biedermann immerzu die Literatur des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts oder lässt sie anklingen: Arthur Schnitzler, Carl Zuckmayer, Joseph Roth, Thomas Mann, Virginia Wolf oder ganz besonders Marcel Proust. Es sind diese Anleihen, die "Lázár" den Sound der Zeit geben. Der Autor borgt ihn sich gewissermaßen aus, indem er sich an das anschmiegt, was er gelesen hat. Und da das eindrucksvoll viel ist, entsteht der Effekt eines Rundgangs durch eine Bibliothek, deren hohe Regale gefüllt sind mit den Büchern der größten Schriftsteller, die man extra noch mal in luxuriöse Lederbände eingeschlagen hat. Daran ist nichts unangenehm. Und reicht manchen schon, um begeistert zu sein. Aber was macht Biedermann da eigentlich, wenn er aus der Literaturgeschichte zitiert?
Am augenfälligsten lässt sich das vielleicht an Marcel Proust zeigen, aus dessen "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Biedermann zum Teil ganze Passagen und Motive übernimmt. Die Frage ist ja, ob es nur um Atmosphäre und Dekor geht oder ob sich damit auch ein erzählerisches Konzept verbindet. Lässt sich aus den Referenzen auf den weltberühmten Roman so etwas wie eine eigene literarische Position oder ein ästhetisches oder poetisches Programm für Biedermanns Roman ablesen? Oder geht es am Ende bloß darum, den eigenen Roman durch Proust-Referenzen aufzuwerten?
Man muss nicht den ganzen Proust gelesen haben, um zu erkennen, dass Biedermann den Roman-Anfang von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" an einer Stelle sogar wörtlich zitiert. Der sexuell erwachende, verliebte Pista kann nicht einschlafen: "Lange Zeit war er früh schlafen gegangen. Manchmal, wenn er das Licht gelöscht hatte, fielen ihm die Augen so schnell zu, dass er sich nicht einmal mehr sagen konnte: Jetzt schlafe ich ein", heißt es da. Während Prousts Roman mit den Worten "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: Jetzt schlafe ich ein" beginnt. Man erkennt schnell den Unterschied: Während Proust aus der Ich-Perspektive erzählt, macht Biedermann daraus eine personale Perspektive.
Das erscheint nebensächlich. Aber das ist es nicht. "Prousts berühmter Satz ,Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen'", sagt die Proust-Forscherin Ulrike Sprenger, die auch zu den Leserinnen von Nelio Biedermanns "Lázár" gehört, "gilt als erzählerischer Geniestreich, da er uns den Erzähler des Romans als ein in Zeit und Ort unbestimmtes Ich vorstellt, als einen Schlaflosen im dunklen Nichts, der sich in seinen um ihn kreisenden Erinnerungen selbst wiederfinden oder überhaupt erst erfinden muss. Die Szene bildet den Auftakt eines Romans, dessen eigentlicher Gegenstand weniger die Erinnerungen selbst sind als jener Prozess, mit dem ein Subjekt sich über seine Wahrnehmungen und Erinnerungen konstruiert. Als Leser werden wir in der Folge Zeugen eines Schreibens, das sich auf die Suche nach einem Ich begibt, das am Anfang des Romans noch verloren ist, buchstäblich im Dunkeln liegt."
Die Schlaflosigkeit im zeitlosen Dunkel markiert damit den Anfang eines aufsehenerregenden erzählerischen Experiments, das die gesamte Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts prägen wird: "Wir lesen die Autobiographie eines fiktionalen Ich", so Sprenger, "das nicht aus sicherem Rückblick, nicht aus sicherer Distanz erzählt, sondern sich im Erzählen erst sucht, dem seine Erinnerungen nicht frei verfügbar sind und der ihre Bedeutung erst im Laufe des Schreibens erschließen kann - es wird die Anstrengung sichtbar, der es bedarf, um sich die eigene Biographie als eine Geschichte der eigenen subjektiven Wahrnehmung zu rekonstruieren."
Wenn Nelio Biedermann nun diesen literaturhistorisch zentnerschweren Satz zitiert, weckt er Erwartungen. Doch lässt er sie ins Leere laufen. Die Schlaflosigkeit, die Pista befällt, hat keine erzählerische Funktion. Sie ist allenfalls Ausdruck einer vagen dekadenten "Malaise", an der viele Figuren Biedermanns leiden. "Jener Satz, der bei Proust alle Gewissheiten des rückblickenden Erzählens infrage stellt und eine großangelegte Suche nach dem eigenen Ich initiiert", so formuliert es Ulrike Sprenger im Gespräch, "wird bei Biedermann banalisiert zur Diagnose einer pubertären Depression, so selbstgewiss erzählt, als hätte es Proust nie gegeben." So gibt es nicht nur keinen Dialog mit Proust in "Lázár" trotz der vielen Verweise, die man gerade auch in der Liebesgeschichte zwischen Pista und Matilda findet. Bei genauerer Betrachtung verschwindet im Gegenteil sogar alles, was Prousts Text ausmacht: An die Stelle eines tastenden Schreibens, mit dem das erzählende Ich die Selbstkonstruktion eines Subjekts vorführt, tritt ein selbstgewiss berichtendes Erzählen, an die Stelle der immer neu angestrengten "Suche" ein geradezu einfältiges Finden.
Das kann einen schon unglücklich machen und ist ganz bestimmt kein "Donnerschlag". Die Literatur der anbrechenden Moderne lebt von der Zerschlagung erzählerischer Gewissheiten, bereits dort, wo bei Gustave Flaubert noch von einem "Er" und nicht vom "Ich" die Rede ist. Wenn "Lázár" von eben dieser Zeit erzählt, die ganze Literaturgeschichte bemüht und sie mit großer Selbstgewissheit trivialisiert, auch mit den anderen Vorbildern ist die Technik ähnlich, wird der Roman zur bloßen Beeindruckungsprosa - mit allerdings tatsächlich beeindruckender Wirkung.
In einer der Kritiken, die Nelio Biedermanns Roman bei Erscheinen lobten, war erleichtert davon die Rede, dass die Sätze, die der Schriftsteller mit der Hand auf seinen Notizblock schreibe, "keine Tiktok-Kürze" hätten, sondern "lang und verschlungen" seien, voller "gedrechselter dunkler Möbel", "schwerem Silberbesteck" und "Farnen, die um Knöchel streifen". Und es wurde die Hoffnung geäußert, dass er einer Schreibgeneration angehören könnte, "die sich von der digitalen Glätte abwendet und sich wieder dem Physischen" widme, den "Haselzweigen" und "nadelgrünen Vorhängen". Einer Generation, "die wieder erzählen und träumen will". Wie erzählt wird, wurde gar nicht gefragt. Es scheint ungeheuer beruhigend zu sein, wenn ein Schriftsteller aus der Gen Z old school schreibt - und Literatur nicht mehr ist als ein Vehikel für Nostalgie.
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