Einsames Watt von Jan F. Wielpütz, der nach dem Ableben von Nina Ohlandt im Jahr 2020 die Reihe mit Kommissar John Benthien als Ermittler fortführt, ist der nunmehr zwölfte Fall. Das Buch erschien 2026. Für mich war es das erste Buch dieser Reihe. Als Quereinsteiger kommt man zwar problemlos in den eigentlichen Fall hinein, verspürt aber gewisse Lücken, was die Vorgeschichte bzw. die Beziehungen der Protagonisten anbelangt.
Das Cover stimmt auf den Schauplatz ein, auf die Nordsee mit ihren Inseln. Das Lokalkolorit, Landschaft, Stimmung, Meer und Wetter auf Amrum wird anschaulich geschildert. Der Schreibstil ist flüssig, teils zu detailreich, was stellenweise zu Längen führt und die Spannung bremst. Die Kapitel sind jeweils mit dem Namen desjenigen übertitelt, aus dessen Sicht erzählt wird, denn John Benthien und Lilly Velasco ermitteln meist getrennt. Der Mordfall erweist sich als komplex, denn er weist Parallelen zu einem zwanzig Jahre zurückliegenden Frauenmord auf, im Zuge dessen seinerzeit Kommissar Litmanen spurlos verschwand. Zu dem Cold Case gibt es Rückblenden. Diese Zeit-, Perspektiven- bzw. Ortswechsel gestalten die Handlung zwar abwechslungsreich, doch verlieren sich zeitweise die einzelnen Fäden. Denn es stehen nicht nur die Frauenmorde und das rätselhafte Verschwinden von Johns ehemaligen Kollegen im Fokus, sondern über ausgiebige Passagen auch die Suche im Watt nach antiken Fundstücken. Weitere Nebenhandlungen erschienen mir ebenfalls entbehrlich.
Stoff zum Miträtseln ist von Anfang an reichlich vorhanden, gibt es doch etliche Personen, die sich eigenartig benehmen, die offenbar etwas verheimlichen, sich in irgendeiner Weise verdächtig machen. Doch das Ermittlerteam kommt nur langsam voran. Je mehr sie in der Vergangenheit und im Privatleben der Verdächtigen herumstöbern, desto komplizierter werden die Zusammenhänge und Mordmotive. Die Suche nach dem oder den Tätern bringt John und Lilly in so manche prekäre Situation, wo man um sie bangt. So richtig spannend wird der Roman jedoch erst im letzten Drittel, je näher John und Lilly Lösung und Täter kommen. Da überraschen unerwartete Wendungen, es überschlagen sich die Ereignisse. Bis letztlich entscheidende Hinweise zur Lösung aller drei Fälle führen.
Das Ermittlerteam, primär bestehend aus John und Lilly, Tommy und Juri, ist sehr sympathisch, wirkt authentisch und lebendig. Es sind Charaktere mit Ecken und Kanten und sie zeigen Gefühle, Ängste und Zweifel. Der Beziehungsstatus ist komplex und sicher besser verständlich, wenn man den roten Faden stets verfolgt hat. Ich konnte als Newcomer Lillys Gefühlschaos zwischen Ex-Freund John und Ehemann Juri nicht ganz nachvollziehen. Im Großen und Ganzen fand ich, dass das Privatleben der Protagonisten etwas zu ausführlich thematisiert wurde bzw. zu viele Familienmitglieder mit einbezogen wurden.
Der Krimi ist zwar kein Pageturner, aber die Zusammenhänge zwischen dem aktuellen Mord und den Geschehen in der Vergangenheit sind interessant verwoben und das Ermittlerteam hat sich in mein Herz geschlichen. Ich wüsste nun gerne, wie alles begann mit John und Lilly Abgesehen davon, dass ein fieser Cliffhanger neugierig auf den Folgeband macht.