Was an Der Medicus bis heute trägt, ist nicht allein die Opulenz seines historischen Schauplatzes. Noah Gordon lässt Rob Cole aus einem England der Angst und des Aberglaubens aufbrechen und macht seine Reise nach Isfahan zu einer Schule des Sehens. Medizin erscheint hier nicht als dekoratives Fachwissen, sondern als genaus hinsehen, zweifeln, lernen.Besonders stark ist die Spannung zwischen dem Wissensdurst des jungen Engländers und einer Welt, in der religiöse Zugehörigkeit, Herkunft und Krankheit über Leben und Tod entscheiden. Die Begegnung mit Avicenna gibt dem Roman seinen geistigen Mittelpunkt, ohne die Geschichte in eine Lehrstunde zu verwandeln. Pest, Hunger, die Gefahren der Reise und das Leben in Persien haben Gewicht, doch sie überlagern nie Robs Entwicklung.Natürlich arbeitet der Roman mit den großen Mitteln des historischen Erzählens. Abenteuer, Liebe, Verlust und Bewährung. Gerade weil Gordon sie so souverän ordnet, wird daraus kein bloßer Kostümroman, sondern ein mitreißendes Buch über Neugier und den Preis des Wissens. Ein Klassiker des Genres, der seine Länge verdient.