Fulminanter Trilogie-Auftakt mit geheimnisvollem Pilger, starker Heldin und atmosphärischem Mittelalter-Koblenz.
Koblenz im Jahr 1379: Handel blüht, Räuberbanden lauern, Fürsten ringen um Einfluss und die Kirche kontrolliert Denken wie Handeln. Mitten in diese Welt kehrt Reinhild zurück, eine junge Grafentochter, die im Schutz einer Handelskarawane mit ihrem Ehemann in ihre Heimat reist. Ein Überfall zerreißt ihr Leben, sie überlebt, ihr Mann nicht. Plötzlich Witwe, sieht sie sich in der patriarchalen Ordnung ihrer Zeit mit einer erneuten Zwangsheirat konfrontiert, obwohl ihr Herz längst Conlin vom Langenreth gehört, einem verarmten Grafensohn, der versucht, den Ruin seiner Familie durch Handel abzuwenden. Und dann ist da noch Palmiro, ein Pilger, der aus dem Heiligen Land mehr mitgebracht hat, als er zugibt, eine Reliquie, für die andere töten würden.Genau dieser Palmiro-Handlungsstrang war für mich das erzählerische Herzstück. Petra Schier zeichnet ihn wunderbar ambivalent, weder edler Ritter noch klassischer Bösewicht, sondern ein Mann mit Schatten und Geheimnissen, die sich nur langsam entblättern. Das Motiv der Reliquie ist klug gewählt, weil es die reale Bedeutung solcher Objekte im Spätmittelalter aufgreift, als Machtmittel, Pilger-Anker und Vermögenswert. Aus dieser historischen Substanz baut Petra Schier einen Sog, der einen sofort in die Handlung zieht.Auch Reinhild hat mich überzeugt. Sie ist eine starke Frauenfigur, ohne zur anachronistischen Feministin zu werden. Sie ist klug, entschlossen und findet Wege innerhalb der Grenzen, die ihre Zeit ihr setzt. Conlin wiederum ist ein spannender männlicher Gegenpol, ein Adeliger, der pragmatisch bricht mit alten Standesdünkeln und sich dem Handel zuwendet, weil er muss. Die Beziehung der beiden lebt von Hindernissen, Reinhilds drohender Zwangsheirat, Conlins finanzieller Not und einem Geheimnis, das ihre Liebe belastet.Was das Buch für mich in die Spitzenklasse historischer Romane hebt, ist Petra Schiers Recherche. Kleidung, Ernährung, Handelsrouten, Rechtssystem, Alltag in einer mittelalterlichen Stadt, alles wirkt fundiert und immersiv. Man riecht förmlich die Marktszenen und spürt die Enge der Adelsburg. Das Personenverzeichnis zu Beginn ist ein praktischer Anker im großen Figurentableau. Wer die Kreuz-Trilogie kennt, trifft alte Bekannte in neuer Generation, alle anderen können problemlos hier einsteigen.Ein echter Pageturner mit klugem Cliffhanger, der Lust auf die Fortsetzung macht. Für Fans von Rebecca Gablé, Sabine Ebert oder Ken Follett absolute Empfehlung, und ideal für gemütliche Herbstabende mit Tee und Decke.