Küstenreise mit sozialen Einblicken, stilistisch jedoch recht gleichförmig.
Raynor Winn erzählt inDer Salzpfaddie Geschichte eines Ehepaars, das nach einem massiven Einschnitt plötzlich ohne Zuhause dasteht und sich mit sehr wenig Geld und viel Unsicherheit auf den South West Coast Path begibt. Dieser Fernwanderweg verläuft entlang der Südwestküste Englands. Aus der Wanderung wird ein Versuch, im Gehen wieder Halt zu finden: körperlich, emotional und als Paar. Dabei führt das Buch durch Küstenlandschaften und Orte, die nicht nur Kulisse sind, sondern auch etwas über Wandel, Geschichte und Lebensrealitäten entlang der Strecke erzählen und über den Blick, den andere auf Menschen am Rand der Gesellschaft werfen.Ich fand die Grundidee und einzelne Themen gut, die Umsetzung konnte mich aber nicht durchgehend mitreißen. Die Landschaft ist oft detailliert beschrieben, aber oft nach einem ähnlichen Schema aufgebaut; das kann atmosphärisch wirken, wurde für mich aber mit der Zeit etwas eintönig. Interessant fand ich die Hintergrundinformationen zu besuchten Orten und wie deren Veränderungen in der jüngeren Geschichte die innere Bewegung der Erzählerin und ihres Mannes spiegeln.Am überzeugendsten war für mich das, was das Buch über soziale Strukturen und Obdachlosigkeit sichtbar macht - sowohl am Beispiel der Protagonisten als auch durch Begegnungen unterwegs. Gerade die Mischung aus Hilfsbereitschaft, Misstrauen und Abwertung (inklusive des schnellen Schubladendenkens à la "alt", obwohl das Bild nicht zwingend stimmt) ist eindrücklich. Gleichzeitig waren einige Begegnungen für mich sehr packend, andere eher beliebig, sodass das Ganze stellenweise flach und etwas fade wirkte. Ein wiederkehrender Spannungsfaden hat mich zwar bei der Stange gehalten, aber er konnte das für mich nicht komplett ausgleichen.Unterm Strich: ein lesenswertes Memoir mit starken Momenten und relevanten Beobachtungen, aber für mich zu wenig abwechslungsreich in Rhythmus und erzählerischer Verdichtung. Und eine Erkenntnis hatte ich nach der Lektüre ziemlich klar: So eine Wandertour würde ich persönlich nie machen wollen.