Interessanter Hebammenroman aus den 70iger Jahren
Die junge Hebamme Esther ist frisch ausgelernt und arbeitet in einer Bremerhavener Klinik. Dort hält man am starren Prozedere, wie eine Geburt abzulaufen hat fest. Esther hat aber eine andere Einstellung und möchte den Frauen weitestgehend eine schöne Geburt mit viel Selbstbestimmung bieten. Doch mit dieser Einstellung eckt sie bei ihren Vorgesetzen an. Sie gefährdet das Bestehen ihrer Probezeit, weil sie zu sehr auf die Wünsche der schwangeren Frauen eingeht. Ob ihr der junge gutaussehende Arzt Stefan Drews, dem sie in der Silvesternacht während einer Schneekatastrophe näherkam, helfen kann? Oder hat sie mit ihren Vorstellungen keine Zukunft in dieser Klink? Extreme Wettersituation und Geburtshilfe Regine Kölpin beschreibt eindrucksvoll, wie das Wetter zum Jahreswechsel 1978/1979 in der Wesermarsch war. Teils aus eigenen Erinnerungen, teils gut recherchiert, berichtet sie von unglaublichen Schneemassen, die das gesamte Leben lahmgelegt haben.Genau in diesem Winter spielt die fiktive Geschichte ihrer Hebammen Saga. Dieser Band ist der Auftakt einer Dilogie.Ende der 70iger findet gerade ein Umbruch in der Geburtshilfe statt. Die Autorin hebt die genauen Unterschiede zwischen fest eingefahrenem Ritual auf den Entbindungsstationen, wo die Frauen wenig selbstbestimmt waren und modernen Ansichten mancher Hebammen auf. Heute unvorstellbar, dass Kinder fern ihrer Mütter im Säuglingszimmer der Klinik versorgt wurden und somit auch Stillen und sofortiges Anlegen der Kinder nach Geburt kein Thema waren. Sicher hat es für die Gebärenden Vorteile gebracht in der Klinik mit medizinischer Versorgung zu entbinden. Rooming-in und dass Väter bei der Geburt ihrer Kinder dabei sein dürfen, waren aber in diesem Umfeld undenkbar. Interessante Einblicke Man merkt dem Roman an, dass Regine Kölpin selbst im medizinischen Bereich gearbeitet hat. Die Beschreibungen der Abläufe rund um die Geburt sind fundiert und authentisch dargestellt. Der flüssige Schreibstil trägt neben den interessanten Einblicken dazu bei, dass sich dieses Buch äußerst kurzweilig liest.Ich selbst bin ein Kind der 70iger Jahre und auch diese Zeit ist wunderbar beschrieben. Bei den bildhaften Darstellungen im Bereich Mode, Möbel und damaliger angesagter Musik fühlte ich mich direkt in meine eigene Kindheit zurückversetzt.Neben den Erzählungen rund um das Hebammenwesen und seine Entwicklung gibt es aber auch einen unterhaltsamen Plot aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Authentische Charaktere Esther ist ein angenehmer Charakter, dem man aber die Unsicherheit in ihrem Beruf noch anmerkt, da sie eben noch nicht lange ausgelernt hat. Dennoch gibt sie ihre Prinzipien nicht auf und steht dafür ein, auch wenn es für sie selbst Nachteile bringt.Der Arzt Stefan Drews, gutaussehend und eben ein Gott in weiß passt perfekt ins Klischee. Auch wenn er insgeheim von Esther und ihren Ansichten beeindruckt ist, besitzt er nicht die Courage zu seiner Meinung zu stehen.Esthers Freundin Birgit war mir von Anfang an irgendwie unsympathisch und im Verlauf lernt man sie und ihren Charakter bestens kennen. Fazit:Ich selbst bin Kinderkrankenschwester und der Roman hat mich schon allein deswegen von Anfang an gefesselt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie eine Entbindung früher gehandhabt wurde und wie heute mit dem Thema umgegangen wird.Ich bin wahnsinnig gespannt, wie die Geschichte im April weitergeht, denn da erscheint der zweite Teil dieser berührenden Dilogie.