Tabula rasa, um dann auf den übriggebliebenen Bruchstücken ein neues, ein zumindest anderes Gedankengebäude zu errichten ...
Zum Glück bezeichnet der Untertitel der "Streitschrift", um was es geht: um "Eine Utopie für die digitale Gesellschaft". Wer einige der sich aktuellen Themen widmenden Bücher von Richard David Precht kennt, wird wissen, auf was er sich einlässt: auf einen möglichst großen Wurf, bei der auf der Basis historischer Ereignisse in einer Art Parforceritt zunächst Tabula rasa gemacht wird, um dann auf den übriggebliebenen Bruchstücken ein neues, ein zumindest anderes Gedankengebäude zu errichten. Für wahr eine Königsdisziplin von Philosophen. Das war beispielsweise bei "Anna, die Schule und der liebe Gott" so, und dies ist auch bei seinem aktuellen Buch nicht anders.Nur: Was soll das Getöse? Es ist legitim, in vielen Fällen mehr als angebracht, den Finger auf eine schwärende Wunde zu legen, bloß muss es immer dieser Furor sein? Geht es nicht eine Oktave niedriger oder muss man heute so herumtönen, um noch gehört zu werden? Es ist nicht so, dass man beim Lesen das Gefühl bekäme, dass hier jemand an seinem Fachwissen scheitert. Ganz im Gegenteil. Auch stößt man auf gut recherchierte Fakten, die größtenteils in nachvollziehbare Zusammenhänge gestellt werden. Was läge also näher, dieser Zusammenhänge mit der analytischen Ruhe eines Wissenden und einer emotionalen und Vertrauen generierenden Nähe zu garnieren, um so seine Leser zum Mitmachen, zumindest zum Nachdenken zu animieren? Apokalyptische Zukunftsängste zu schüren, hilft Niemandem. Dabei sind die gestellten Fragen klug formuliert, die Antworten zum großen Teil stimmig - und zum eigenen Mitdenken bleibt viel Raum.Also doch ein gelungenes Buch? Durchaus, wenn man die Funktion des Wachrüttelns in den Vordergrund stellt. Dieses Ziel wird auf jeden Fall erreicht. Gleiches gilt für die gut formulierten Fragen, die sich aus den bisherigen Entwicklungen der digitalen Zunft für die Zukunft ergeben. Hier kann gar nicht genug gefragt und hinterfragt werden. So können aus Risiken auch Chancen werden -wenn der Rahmen, in der sich diese Entwicklung abspielt, gut gewählt ist. Das hier die Politik gefordert ist, ist Grundtenor dieses Buches. Sicher zu Recht.(6.5.2018)