5+ * Australier im Kriegsgefangenenlager der Japaner beim Bau der `Death Railway¿ Siam-Burma - sprachmächtig, wortgewaltig, brutal
5 Sterne werden diesem Ausnahme-Roman ebenso wenig gerecht wie es meine Rezension werden kann. Aber dennoch will ich versuchen, Richard Flanagans Buch mit meinen unzureichenden Worten zu würdigen. Angeregt wurde er durch die Erinnerungen, durch das Schicksal seines Vaters, der ein japanisches Kriegsgefangenen-Lager und den Bau der Eisenbahn (Death Railway) zwischen Siam (Thailand) und Burma (Myanmar) überlebt hat. Tausende Australier starben unter grausamen Umständen in Lagern im Urwald.Schonungslos, brutal und ekelerregend, aber dennoch poetisch und bildhaft liefert uns Flanagan eine mitreißende Mischung aus Lagerliteratur und Liebesgeschichte, kaum erträglich beim Lesen, aber wichtig, um über diese Kriegsverbrechen und ihre Hintergründe Bescheid zu wissen.Das geschieht zeitlich und räumlich in Sprüngen; wir lernen zu Beginn den inzwischen 77-jährigen Kriegshelden Dorrigo Evans kennen, erfolgreicher Chirurg, damals im Lager Militärarzt. Es ist ersichtlich, dass er mit seinem Leben nicht im Reinen ist, sei es wegen der Kriegs- und Lager-Traumata, seien es wegen der durchaus vorhandenen dunklen Seiten seines Charakters, durch seine im Ganzen unharmonische Lebensgeschichte.Bevor sich Flanagan den Grauen des Kriegsgefangenenlagers zuwendet, erfahren wir in aller Ausführlichkeit von Dorrigos leidenschaftlicher Affäre mit Amy, der jungen Ehefrau seines Onkels, und das, obwohl er selber im Begriff ist, sich zu verloben. Möglicherweise ist es diese Erinnerung an Amy, die ihn das Lager überleben lässt.Und dann tauchen wir in das Grauen des Kriegsgefangenenlagers ein, das Flanagan in ebenso ekelhaften und brutalen wie poetischen Worten beschreibt, alles in Verbindung mit den Hintergründen und Motiven. Allerdings ist es für Leser nur schwer erträglich, von diesen katastrophalen Zuständen in einem japanischen Kriegsgefangenenlager zu erfahren: Monsunregen im Dschungel, Tropenkrankheiten, Cholera, Geschwüre, keine Medikamente, Hunger, Abmagerung bis auf die Knochen. Kaum Werkzeug zum Bau der Eisenbahnlinie durch den Dschungel, Misshandlungen durch sadistische, brutale Aufseher. Es sind Schilderungen, bei denen dem Leser der Atem stockt.In dieser Hölle versucht Dorrigo Evans als Arzt so viele Menschen wie möglich zu retten und am Leben zu erhalten und wendet sich dabei sogar mutig gegen den Leiter des Lagers, einen drogenabhängigen, seinem Gott-Kaiser blind ergebenen japanischen Offizier. Er muss nicht nur Operationen unter unsäglichen Zuständen durchführen, sondern auch Entscheidungen treffen wie z.B. Männer für einen Arbeitseinsatz auswählen, ein furchtbares, ihn quälendes Dilemma.Wir erfahren einiges über die Motive und Einstellung der Japaner gegenüber den Kriegsgefangenen. Zwar sind es einerseits kultivierte Menschen, die Haikus zitieren, die aber andererseits kein menschliches Erbarmen haben und ihren 'ehrenvollen Dienst' für den Kaiser über alles stellen.Ein großer Zeitsprung - der Leser erfährt, wie die Kriegsverbrechen verfolgt wurden und was aus den Überlebenden geworden ist, wie sie mit ihrer Schuld und ihren Traumata leben, sowohl die Opfer als auch die Täter. Leider war es auch hier teilweise der Fall, dass 'die Kleinen bestraft wurden', z.B. koreanische Aufseher, die zu diesen Diensten gezwungen wurden und dass man 'die Großen laufen ließ.' Der Krieg endet nicht, auch wenn die Waffen schweigen. Man mag nicht weiter denken...Dieses Buch ist das Porträt eines Mannes, der nicht nur seinen Mitgefangenen selbst- und furchtlos half, was ihn dem Leser sympathisch macht, sondern auch eines Mannes, der sich im Privaten schuldig macht. Er heiratet eine Frau, die er nicht liebt und betäubt sich mit unzähligen Affären, was viele Menschen verletzt.Dieses Buch hat den Man-Booker-Prize zu Recht gewonnen und hat auch und gerade heute Aufmerksamkeit verdient. Es schockiert nicht nur, was es auch zu einem Antikriegsbuch macht, sondern es behandelt existenzielle menschliche Fragen. Der Titel 'Der schmale Pfad durchs Hinterland' kommt als Bild inhaltlich mehrmals vor und basiert auf einem japanischen Reisetagebuch von Matsuo Basho aus dem Jahre 1689.Ich kann diesen Roman nur ausdrücklich empfehlen und wünsche ihm viele Leser.