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Die Traumdeutung als Taschenbuch
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Die Traumdeutung

Nachw. v. Hermann Beland. 'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
Taschenbuch
Die Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via regia zum Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse. Sigmund Freud
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Produktdetails

Titel: Die Traumdeutung
Autor/en: Sigmund Freud

ISBN: 359610436X
EAN: 9783596104369
Nachw. v. Hermann Beland.
'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
FISCHER Taschenbuch

1. November 1991 - kartoniert - 662 Seiten

Beschreibung

Die Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via regia zum Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse. Sigmund Freud

Portrait

Sigmund Freud, geb. 1856 in Freiberg (Mähren); Studium an der Wiener medizinischen Fakultät; 1885/86 Studienaufenthalt in Paris, unter dem Einfluss von J.-M. Charcot Hinwendung zur Psychopathologie; danach in der Wiener Privatpraxis Beschäftigung mit Hysterie und anderen Neurosenformen; Begründung und Fortentwicklung der Psychoanalyse als eigener Behandlungs- und Forschungsmethode sowie als allgemeiner, auch die Phänomene des normalen Seelenlebens umfassender Psychologie. 1938 emigrierte Freud nach London, wo er 1939 starb.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 25.11.1999

Der Traum ist der Wächter des Schlafes
Hausdurchsuchung findet nicht statt: "Die Traumdeutung" von Sigmund Freud ist vor hundert Jahren erschienen

Anfang November 1899 erschien das Jahrhundertbuch: "Die Traumdeutung". Aber Freud wählte - da er Sinn für Dramaturgie hatte - den Jahrhundertbeginn als das für die Nachwelt eindrucksvollere Datum: 1900. Er hatte darin insofern Recht, als die Psychoanalyse, ungeachtet mancher ins neunzehnte Jahrhundert reichender Wurzel, das zwanzigste Jahrhundert bestimmen sollte. Deshalb hat die "Traumdeutung" zwei Geburtstage. Aber genau genommen hat sie drei: Denn sie ist nicht denkbar ohne die Entdeckung der Psychoanalyse überhaupt, deren hundertsten Geburtstag wir 1995 hinter uns gebracht haben.

Nicht allein der Geburtstag einer neuen Heilmethode wird jetzt gefeiert. Kant hatte sein Unternehmen, die Kritik aller bisherigen Vernunft, mit der Kopernikanischen Wende verglichen und das schöne Wort von einer "Revolution der Denkungsart" geprägt. Bewusstes Denken und Handeln der aufgeklärten Subjekte hält die Welt zusammen, nicht göttliche Providenz. Freuds Werk bedeutet eine nicht geringere Revolution, und sie zielt nicht weniger ins Herz der Aufklärung als die kantische. Durch Freud wird dem Begriff Aufklärung der Doppelsinn zurückgegeben: Als großes philosophisches Wort, das auf die Erhellung der Welt und die Heraufkunft des Vernunftreichs zielte, und als Bezeichnung für die kleine private Aktion, die das Kind in die Fortpflanzung der Gattung einführt, das Menschentier ins Tierreich zurückversetzt und ihm zugleich einen neuen Aufbruch ermöglicht. Dass der Mensch begehrliches und bedürftiges Wesen und Vernunftswesen in eins ist - damit ist schon ein erster Anspruch der Freudschen Revolution formuliert. Er umfasst viel: Anstößiges, Disparates und ganz Unwichtiges wird mit einem Mal ernst genommen. Das Reich der Begehrlichkeiten und das Reich der Schatten, des Traums - immer schon benachbart dem anderen Reich der Schatten, der Unterwelt - beginnen zu reden.

Für Freud begann diese Unterwelt zum ersten Mal laut und unabweisbar zu sprechen in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895. Da träumte er seinen Schicksalstraum, der in der Literatur als "Irmas Injektion" zitiert wird und wie so viele Schriften Freuds selbst eine literarische Qualität hat. Wie bei Goethe Autobiographie und literarische Schöpfung in Wechselbeziehung standen, so bei Freud Autobiographie, literarische Schöpfung und wissenschaftliches Werk. Er war nicht nur ein Rätselrater, ein Problemlöser, ein Ödipus, sondern wie Kafka, wie Musil ein großer Epiker seiner Zeit. Der Irma-Traum steht gewissermaßen als Introitus, als Empfangsraum zu seiner "Traumdeutung".

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es den Slogan von einer Gesellschaft der Psychoanalysierten, einer Gesellschaft der Aufgeklärten also. Wo der generalaufklärerische Impetus, der am Anfang stand, verlorengeht, ist die Psychoanalyse nicht mehr sie selbst. Wo er sich hält, spielt es keine entscheidende Rolle, ob man an sämtlichen Freudschen Konstruktionen festhält oder sie durch Neuerungen ersetzt, solange nur das Ziel erhalten bleibt: Wo Es war, soll Ich werden. Trauma und Traum sind im Deutschen lautlich verwandt: Hätte Freud nicht seine eigenen Traumata zu bearbeiten gehabt, hätten wir seine Traumlehre nicht. Dass er seine Traumata in seinen Träumen am ehesten bearbeiten konnte, war die Entdeckung, die ihm nicht nur Seelenfrieden, sondern vor allem Ruhm versprach.

"Glaubst du eigentlich, dass an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: ,Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigmund Freud das Geheimnis des Traumes'?" Diese Frage stellte der damals neununddreißig Jahre alte Freud dem engsten Freund dieser Lebensepoche, dem Berliner Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Wilhelm Fließ. Der war damals so etwas wie das Liebesobjekt. Heute würden wir sagen: Freud agierte ihm gegenüber eine Übertragung aus, wie sie jemand in einer Psychoanalyse durchlebt, der auf den Psychoanalytiker Konflikte seiner frühen Kindheit überträgt. Freud durchlebte zwar eine Übertragung, wusste jedoch noch nicht zu bezeichnen, was er da durchlebte. Er hatte kurz zuvor mit seiner Selbstanalyse begonnen, zum einen, weil er in einer Art Lebenskrise steckte, zum andern, weil er wohl unbewusst spürte, dass er die großen Trouvaillen, die das Bewusstsein des Jahrhunderts verändern sollten, weil sie es mit dem Unbewusstsein konfrontierten, nur ans Licht schaffen konnte, wenn er, wie die antiken Heroen, seine persönliche Unterweltfahrt antrat. Dazu gehörte Courage: "Ich glaube, die Ursache der Traum-Entstellung aufzufinden war mein moralischer Mut." Die Marmortafel hat Anna Freud auf einer der auslaufenden Höhen des Kahlenbergs achtzig Jahre später enthüllt. Sie steht frei auf der Wiese. Im Sommer ist das kleine Pfeilergebilde so etwas wie der kultische Mittelpunkt grillender Türken. Das große Sommerhaus Bellevue, in dem Freud mit seiner Familie die Sommerferien verbrachte, existiert nicht mehr.

Lassen wir das Personal von Freuds Initialtraum Revue passieren: Da ist eine "Irma" genannte junge Patientin aus den Anfängen seiner Karriere, da ist der Träumer Freud, und da sind die Auftritte anderer Personen, die das Geschehen zwischen Irma und Freud kommentieren oder weitertreiben - Kollegen beispielsweise, die Freuds Behandlung missbilligen und denen gegenüber er sich rechtfertigen zu müssen meint. Irma darf - aus Anlass der Geburtstagsfeier - die Funktion der Allegorie übernehmen, der Muse der Psychoanalyse, insofern sie die noch immer bedeutendste Schrift Freuds, die "Traumdeutung", inspiriert hat. Man meint beinahe, ihr in Klimtscher Manier gemaltes Ölporträt zwischen all den Blumensträußen zu entdecken, aber eben nur beinahe: So real sie in Freuds Traum war, so gesichtslos muss sie für uns doch bleiben; denn wir wissen nicht, wer sie wirklich war, und sind damit auf die überzeugendste Weise auf die Erkenntnis verwiesen, dass die Logik des Traums eine andere ist als die der Geschichtsforschung. Im Traum ist auch das Ich ein Wir - und plaudert damit aus, was der deutsche Idealismus schon recht gut wusste, dass nämlich das Ich Resultat ist, mehr noch: dass es aus einem Prozess hervorgeht, dass das Ich durch den anderen entsteht.

Diesen uralten Topos hat Freud in seiner "Traumdeutung" gewissermaßen materialisiert: "Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, dass mein Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist." Das Problem des Ich hat Freud immer weiter beschäftigt - kein Wunder, war das Ich doch der Garant für die Einheitlichkeit der Theorie, die er, wenngleich vergebens und letztlich gegen besseres Wissen, immer wieder anstrebt. Freilich, seit dem Entstehen der "Traumdeutung" hat das Ich in Freuds Wertschätzung einigen Boden eingebüßt. Vierzehn Jahre später schreibt er: "Das Ich spielt die lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will, dass sich alle Veränderungen in der Manege nur infolge seines Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den Zuschauern schenken ihm Glauben."

Der Traum von "Irmas Injektion" ist der Grundstein der Riesenarchitektur namens "Die Traumdeutung". Zugleich verbindet unsere Allegorie Irma die beiden Jahrhunderte, das vergangene und das kommende: das zwanzigste, insofern sie programmatisch ist für die Reihe der Entdeckungen, welche die Psychoanalyse konstituieren werden. Zum neunzehnten hält sie den Kontakt über die Kunst. Die machte einen großen Gebrauch von der Traumsphäre und vom Träumerischen, so dass Freud, was das Gewicht des Traums betrifft, durchaus offene Türen einrannte.

Die seit 1900 bis heute von der "Traumdeutung" inspirierten Spekulationen und Metaphorisierungen haben immer wieder Teile für das Ganze genommen: Der psychische Apparat wurde einer Schriftmaschine gleichgesetzt, wofür Freuds zahlreiche Schriftmetaphern gutstanden; die Leinwand des Traums schien ihn in apriorische Nähe zum Film zu bringen; der "Raum" des Traums dimensionierte ihn - sei es nach Winnicotts Modell des Übergangsraumes, der es dem Menschen ermöglicht "allein zu sein", sei es nach der Enzyklopädie und Topographie des eigenen Körpers, sei es nach dem Körper der Mutter. Die Psychoanalytiker haben gefolgert, dass es Freud gelungen sei, den archimedischen Punkt der Durchdringung von Allgemeinem und Besonderem zu besetzen, da er das Traumobjekt, den Körper der Mutter, mit seiner Traumdeutung in Theorie und Praxis durchdrang: Ein Ödipus in eigener Sache, penetriert er das Geheimnis des Traums. "Der Irma-Traum", schreibt Didier Anzieu in einem Buch über Freuds Selbstanalyse, "besagt, dass der Körper des Traums und der Traum vom Körper identisch sind. Das Unbewusste, dessen Corpus Freud festzustellen unternimmt, empfindet er als Corpus Delicti, für das er sich rechtfertigen muss, denn es repräsentiert symbolisch und enthält metonymisch den begehrten Körper der unerkannten Mutter. Doch genau hier hat am frühen Morgen des 24. Juli 1895 sein Wunsch endgültig Gestalt angenommen: Das, auf dessen Besitz er auf fleischlicher Ebene verzichten musste, wird auf begrifflicher Ebene wiedererlangt werden können."

Auch Kurt Eissler, einer der treuesten Paladine Freuds, einst aus Wien emigriert und im vergangen Jahr in den Vereinigten Staaten gestorben, sieht den Irma-Traum als Metapher dafür, dass Freud und seine Frau empfangen hätten - nämlich viele Kinder, Patienten und Ideen. Eissler meint in seiner lapidaren Art, wie alle anständigen Menschen habe Freud ein latent schlechtes Gewissen gehabt: "Die Schaffung von Werten fungiert als Äquivalent der Wiedergutmachung. Als Freud nahe daran war, von Neid, Angst, Schuld und Triumphgefühlen überwältigt zu werden, wurden die Fundamente gelegt, eine Art Disposition gebildet, etwas Großes zu schaffen. Die Idee, die Zerlegung des Traumes mit freien Assoziationen zu jedem Traumelement zu verbinden, und die Verwirklichung dieses Vorhabens durch die erfolgreiche Analyse des Irma-Traumes waren ein großartiges Geschenk für seine Frau Martha und für die Menschheit, das diesem ruhelosen Geist zumindest für eine kurze Zeitspanne Freiheit von inneren Konflikten gewährt haben sollte."

Wenn wir also mehrere Geburtstage der Psychoanalyse feiern, müssen wir mit den Daten augenzwinkernd hantieren; denn ein Phänomen wie die Psychoanalyse fällt nicht vom Himmel und wird nicht an einem Tag gefunden. In diesem Augenzwinkern liegt auch eine Hommage an eben jenen anderen Schauplatz, jene andere Logik, die sich unter Umständen um Daten und Identitäten gar nicht schert, ihnen jedoch - wenn es ihr gefällt - wie ein Künstler seinem Kunstwerk Mehrdeutigkeiten, Überblendungen, Überidentifizierungen zusprechen kann: gerade das läßt sich an Irma, dieser "Sammel- oder Mischperson", wie Freud sagt, so gut sehen. Die Verwandtschaft des Traums mit einem Kunstwerk hängt zum einen damit zusammen, dass der Traum eine eigene Inszenierung ist, zum anderen mit seiner Bilderproduktion. Indessen ließ sich Freud nicht primär von den Bildern des Traums faszinieren, und recht hatte er. Der Traum, dieses großartige Exempel einer Selbstveranstaltung - schließlich ist man es selber, wenn man die Veranstaltung auch nicht macht, sondern nur arrangiert - demonstriert, wie viel Bilderspannung man aushalten kann.

Der Traum ist der Wächter des Schlafs. Er schützt gegen den Hausdurchsuchungsbefehl des Bewusstseins und lässt sich unterdessen mit "bewusstseinsunfähigen" Regungen ein: Die englische Freud-Ausgabe annotiert, dass "bewusstseinsfähig" parallel zu "hoffähig" gebildet sei, und der amerikanische Analytiker Bertram D. Lewin preist die Metapher, die das Verhältnis von unbewusster Verdrängung und Bewusstsein in das Bild Vorraum-Wächter-Salon fasst, als eine Figur, die den praktischen Bedürfnissen der Analyse entgegenkomme. Obwohl so viel von feudalen Unterdrückungsverhältnissen die Rede ist - Freud hatte den Ausdruck "Zensur" von der zaristischen Pressepolitik auf die Traum-Entstellung übertragen -, gehört seltsamerweise die Königsweg-Metapher zu den bekanntesten Zitaten des Buchs: "Die Traumdeutung ist die Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten." Diese Behauptung Freuds erscheint auf Anhieb überzeugend und ist doch zugleich paradox. Königswege sind ja Wege, auf denen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind: gebahnte Wege, auf denen nichts schief gehen kann. Dieses ist dem traumdeutenden Analytiker ein Widerspruch in sich; solche Wege gibt es für die Psychoanalyse prinzipiell nicht. Auf dieser Art "Königsweg" käme der Analytiker zwar schnell an ein Ziel, aber nichts wäre passiert. Der Königsweg ist dornenvoll und eben nicht für Könige gemacht.

Aus diesem Grund haben zwei andere Stellen der "Traumdeutung" vor allem die philosophischen Freunde des Dekonstruktivismus und dessen Vorläufer seit langem über die Maßen fasziniert. Die Rede ist vom "Nabel des Traumes". Die erste Bemerkung darüber fällt in einer Anmerkung, wieder zum Irma-Traum. Freud meint da: "Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Unerkannten zusammenhängt." Die zweite Stelle finden wir im siebten Kapitel, wo Freud sich nicht mehr mit der Phänomenologie der Träume befasst, sondern seine Theorie der Traumvorgänge formuliert: "In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechts erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium."

Die Sprachmagie dieser Sätze hat dazu verleitet, den Nabel mit den Qualitäten des Schoßes auszustatten. Dabei handelt es sich zunächst um etwas höchst Nüchternes - nämlich darum, dass der Nabel nichts anderes ist als der Ort der Abnabelung. Der konsequente Analytiker muss den Traum da, "wo er dem Unbekannten aufsitzt", abnabeln, damit er fortschreiten kann, und nicht etwa so behandeln, als sei er der produktive Schoß, der ständig Unbekanntes hervorbringt. Was für eine Verkennung der Funktion des Nabels! Elisabeth Bronfen sieht in ihrem Buch "Das verknotete Subjekt" im Nabel nicht den dunklen Ursprung, sondern eine verknotete Narbe und hinter dieser eine Wunde. Der Traum muss sich also an der Narbe einer Wunde abarbeiten. Damit ist Bronfen die Einengung los, die wir in unserer Sprache mit dem Wort Nabelschau bezeichnen. Sie zieht eine Analogia entis: So wie der Nabel verknotet ist, ist das Subjekt verknotet. Der Traum ist ein kardinaler Umgang mit der Nabelverknotung und damit eben auch mit der Subjektverknotung, wobei Freud die weibliche Seite der Abnabelung - niemals wird von einem Mann abgenabelt - nicht so zentral gemacht habe, findet Bronfen, wie sie es verdient hätte.

Was heutige Ruhmredner des Freudschen Nabel-Topos in den Spuren Derridas übersehen, wenn sie ihn umstandslos mit der antiken Nabel-Theorie verbinden, ist, dass die antiken Omphalos-Darstellungen immer Darstellungen eines vollständig unverknoteten Nabelbruchs sind. Der Omphalos - beispielsweise der berühmte delphische - erhebt sich als Phallos. Der klassische Omphalos ist nicht die Eintiefung, sondern immer der Nabelbruch-Nabel, so als ob dieser Omphalos wirklich zwei Funktionen erfüllen soll: Hier wird nichts verknotet, sondern hier sprießt neues Leben, und an sich ist der Nabel, wenn man ihn denn richtig darstellte, der phallische Ursprung, ein weiblicher Phallus, der jedoch mit dem weiblichen Geschlecht nichts zu tun hat.

Freuds Nabelstelle ist beiläufig und unheimlich zugleich, unheimlich insofern, als genau diese Stelle eine Konterkarierung der "rationalistischen" Traumdeutung ist. Beiläufig kann Freud sein, weil die Bilder vom Pilzgeflecht einfach Bilder aus seiner ärztlichen Vergangenheit sind: Wenn er aus diesem Mycelium den Traumwunsch aufsteigen sieht, ist das einfach gute Physiologie und für uns heute dennoch - und für ihn damals realiter ja auch - eine symbolisch genau treffende Korrektur an rationalistischer Trauminhaltsdeutung. Freud ist weder phallisch, wie es ihm in der Nachfolge Jacques Lacans angedichtet wird, noch omphalisch. Freud ist, um es mit einer unbotmäßigen Neubildung zu versuchen: omphallisch. Omphallisch wäre der Versuch, das Phallische nicht als das Abgetrennte und Störende und Ansprucherhebende, als das signifikatorisch wiederauferstehende Element aller Deutungen zu bringen, sondern den Phallus selbst wieder omphalisch zu deuten.

Sich den Traum zum Erkenntnisgegenstand zu nehmen, ohne mit der Freudschen Traumdeutung Ernst gemacht zu haben, endet bei Traktätchenweisheiten. Die Sonntagsdeuterei, sei sie nun eher poetisch oder eher wissenschaftlich eingefärbt, schafft sich den Geruch forcierter oder naiver Belanglosigkeit nicht vom Hals, schafft nicht den Sprung aus der Region erbaulicher Schmeicheleien in die Überraschung, die aus der Sache kommt, in den Einfall, der für sich stehen kann. Auch Dichter, die heute Traumbücher versprechen, können nicht hinter Freud zurückfallen, können nicht so tun, als lebten sie noch im neunzehnten Jahrhundert. Das gilt für die puren Traumerzählungen der Elsa Morante, die ohne Deutungsanspruch daherkommen, genauso wie für die ins Surrealistische übertragenen Träume eines Borges, der damit auch versucht hat, gegen eine bestimmte Rezeption der "Traumdeutung" anzudichten.

Denn wie hat die Traumdeutung zunächst gewirkt? Die erste Generation hat herausgelesen, dass es auch in den Träumen vernünftig zugeht, dass man Träume gleichsam als reale Sprechakte, die Wünsche aussprechen, glatt übersetzen kann. Das betonte Freud, das schuldete er sich - aufgewachsen in einer Wissenschaftsgesellschaft, in der alles mit Grund und Folge, Ursache und Wirkung vor sich ging. Nun hat er eben einen neuen Bereich erschlossen, in dem diese Gesetze ebenfalls herrschen. Und zugleich wirft er, wirft sein Gegenstand, der Traum, solche Rationalität über den Haufen, ist derjenige, der Spender vernünftiger Einsichten ist, dann zugleich ein Pfad zu einem anderen Vernunftbegriff. In dem Augenblick, wo der Traum plötzlich zu einem der mächtigsten Transformatoren unbewusster Prozesse wird, wird er die Via Regia zum Unbewussten. Dass Traumdeutung eine Zeitlang bei den Nachfolgern Freuds eine verhältnismäßig geringe Rolle gespielt hat, lag daran, dass der Traum noch immer unter dem Verdacht von Traumrationalität stand und als ein abgetanes Relikt in die neuen Prozessvorstellungen der Psychoanalyse hineinragte.

Dass Traumdeutung in der heutigen Analyse wieder so wichtig ist, liegt daran, dass die Traumlogik als die schnellere Umwälzpumpe für unbewusste Prozesse wieder in ihr volles Recht eingesetzt ist. Damit ist der Traum wieder ein großer Erkenntniszuwachs: Sieht man moderne Versuche, sich mit dieser Spannung des Freud'schen Grundbuches auseinander zu setzen, so könnte man sie unter die Devise "Traum-Leben" stellen. "Traum-Leben" von Donald Meltzer ist der Titel einer der ambitioniertesten Neudeutungen der Freud'schen "Traumdeutung", und dieser Titel ist sprechend. In ihm geht es so wenig wie bei Freud um einen Kult des Irrationalismus, sondern um ein Weiterdenken der "Traumdeutung". Nur ein Denken, das vor den Veränderungen durch Denken Angst hat, grenzt die Träume aus, ein Ernstnehmen des Denkens bedeutet für Meltzer immer auch ein Ernstnehmen der Träume. Ein Analytiker wie Meltzer deutet die Träume nicht im dogmatisch "freudianischen" Sinn, indem er detektivisch einzelnen Elementen nachforscht, sondern er deutet das Material jeder einzelnen Sitzung jeweils wie Traummaterial.

Das Entscheidende ist nicht mehr der klassische Kontext von manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken, sondern die Scheidung einer traumlosen und das heißt nicht symbolisierbaren Welt, in der der Psychotiker befangen ist, von einer träumbaren Welt. Der Traum in der Psychoanalyse ist freilich etwas anderes als der Traum ohne Psychoanalyse. Der Traum innerhalb einer Psychoanalyse bedeutet die Mitarbeit des Träumenden an dieser Analyse, und zwar im positiven, also weiterführenden Sinn, wie unter Umständen auch im negativen, blockierenden. Die psychoanalytische Kur selbst ist vom Einpersonen- zu einem Zweipersonenparadigma avanciert und mit ihr der Traum. Aber eigentlich müsste man sagen: Das war er bei Freud immer schon, auch das alte Einpersonenparadigma war immer schon ein ganzes Gesellschaftsparadigma. Jede Analyse vergesellschaftet den Traum. Mit ihm wird zum einen ein Deutungsversuch des Standes der jeweiligen analytischen Arbeit gegeben, und zum anderen wird das, was dabei in diesem Traum (noch) abgewehrt wird, umgangssprachlich wieder mit dem Traumbegriff verquickt: Das, was einem "im Traum nicht einfallen würde", ist noch nicht bearbeitbar.

Je weiter eine Analyse voranschreitet, um so weiter übersetzbar werden die Träume. Der Traum ist damit entgrenzt worden, und dies mehr als im Surrealismus. Die Träume sind schon auf Klärung aus und führen sie versteckt herbei, ehe der Analytiker sie und die sie zum Stocken bringenden Blockaden deutet. Symptome sind immer Blockade und Hilferuf zugleich. Kurz, auch die Geschichte der Gattung war niemals nur die ihrer Blockade, sondern immer auch Selbstaufklärungsprozess. So wie Philosophen und Propheten diesem Prozess ihre Stimme verliehen haben, hat das auch Freud getan. In einer Situation, in der das Wort Aufklärung kleingeschrieben wird und Selbstzerstörungsprozesse darum so gefährlich sind, weil sie mit kleinen und großen Regressionsversprechen locken, verdient der Übersetzer Freud, der uns diese Lockung verständlich macht, ungeteilte Aufmerksamkeit. Freud - das gehört zur Konsequenz seiner Entdeckung dazu - hat, realistischer Skeptiker, der er ist, doch auch die Basis, oder sagen wir besser: "das Bündnis" verständlich gemacht, mit dem Skepsis nutzt und nicht in Selbstzerstörung endet, mit dem das Traumleben ein Lebenstraum werden kann.

CAROLINE NEUBAUR

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