Als das Deutsche Reich 1884 begann, Teile von Neuguinea unter seinen Schutz zu stellen, bedeutete das für die Menschen vor Ort Umbruch, Fremdherrschaft und kulturelle Erschütterung. Für europäische Siedler dagegen war es oft die verheißungsvolle Projektionsfläche eines Neuanfangs. Genau in diesem Spannungsfeld setzt Tara Haigh mit dem zweiten Band ihrer Neuguinea Saga an.
Ende des 19. Jahrhunderts erreicht die Familie Berger nach dem verheerenden Brand in Deutschland die neue Kolonie. In Finschhafen wollen sie als Siedler noch einmal von vorn beginnen. Der Roman knüpft unmittelbar an die Ereignisse des ersten Teils an und entfaltet rasch eine spürbare Dynamik. Für mich war diese Fortsetzung sogar spannender als der Auftakt, weil die Figuren nun nicht mehr nur unterwegs sind, sondern sich behaupten müssen. In einer Siedlung, die von kolonialer Verwaltung und Soldaten kontrolliert wird, prallen Interessen aufeinander.
Im Mittelpunkt stehen erneut die drei Frauen. Hedwig trägt ein Geheimnis unter dem Herzen und ringt mit ihrer Angst, Max die Wahrheit zu sagen. Anna verfolgt ehrgeizig eigene geschäftliche Pläne, doch ihre Liebe zu einem Einheimischen stellt nicht nur ihre Träume, sondern auch die gesellschaftlichen Grenzen infrage. Clara verbindet als Krankenschwester europäische Medizin mit dem Heilwissen der Einheimischen. Auf der Missionsstation rettet sie Leben, während sie zugleich erkennen muss, dass ihre Ehe auf einer folgenschweren Lüge beruht. Jede dieser Frauen steht vor einer Entscheidung, die mehr verlangt als Mut. Es geht um Zugehörigkeit, Loyalität und die Frage, wie viel man für ein neues Leben aufzugeben bereit ist.
Besonders eindrücklich sind die atmosphärischen Schilderungen. Der Dschungel wirkt greifbar, mit seiner bedrückenden Hitze, der üppigen wunderschönen Vegetation mit ihrer Artenvielfalt und andererseits der ständigen Bedrohung durch gefährliche Tiere und Krankheiten.
Die Autorin fängt Sorgen, Nöte und Hoffnungen jener Zeit differenziert ein. Fremde Kulturen begegnen sich nicht romantisiert, sondern in ihrer ganzen Ambivalenz. Zwischen Aufbruchsstimmung und Machtmissbrauch entsteht ein dichtes Bild kolonialer Realität.
Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse. Konflikte eskalieren, Geheimnisse kommen ans Licht, Entscheidungen werden unter Druck getroffen. Das steigert die Spannung spürbar und verleiht dem Roman eine dramatische Zuspitzung.
Dieser zweite Band ist in sich geschlossen und zugleich offen genug, um die Erwartung auf die Fortsetzung zu wecken. Ein bewegender historischer Roman für alle, die sich für die Kolonialzeit interessieren und bereit sind, unter fremden Himmeln nicht nur von Hoffnung, sondern auch von Verantwortung zu lesen.