
Ein Buch, das die Welt veränderte - der zeitlose Klassiker der US-Literatur
Der litauische Einwanderer Jurgis Rudkus kommt mit seiner Verlobten um 1900 nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie viele andere findet auch er Arbeit in den Schlachthöfen Chicagos, doch die Hygiene- und Sicherheitsstandards sind so niedrig, die Anforderungen so hoch und die Bezahlung so erbärmlich, dass die Immigranten kaum eine Chance auf ein vernünftiges Leben haben.
Nachdem seine Familie durch mehrere Tragödien zerstört wird und ihre Existenz verliert, ist er gezwungen, auf illegalen Wegen Geld zu verdienen. Nach und nach erkennt er die Notwendigkeit, für Reformen und ein besseres Leben zu kämpfen.
Der Dschungel gehört zu den wichtigsten Romanen der Literatur des 20. Jahrhunderts. Ein zeitloses, atemberaubend spannendes Leseerlebnis.
Besprechung vom 09.07.2026
Kampf der Klassen
Upton Sinclairs Schlachthofroman "The Jungle" (1905)
Das neue Jahrhundert fand in den USA seine literarische Ouvertüre 1905 im Buch eines damals erst Sechsundzwanzigjährigen. Der beschwor gleich im ersten Kapitel sein Verfahren: "Diese Szene müsste zu Musik gelesen, besser noch gesungen werden." Es ist die Schilderung einer Hochzeit unter litauischen Einwanderern in Chicago, und was der als Schriftsteller noch völlig unbekannte Upton Sinclair darin veranstaltete, hatte es zuvor noch nicht gegeben: Die Auftaktseiten zu "The Jungle" pulsieren im Rhythmus der osteuropäischen Volksmusik - Lebensfreude pur. Und der einzige Abschnitt dieses Romans, der im Präsens steht.
Dabei widmete er sich einem denkbar gegenwärtigen Thema: den verheerenden Arbeitsbedingungen in der amerikanischen Fleischindustrie, die ihr Zentrum in Chicago hatte. In den dortigen Schlachthöfen war im Sommer 1904 ein Generalstreik brutal niedergeschlagen worden, und der darüber entsetzte Ostküsten-Unterhaltungsschriftsteller Sinclair hatte danach die Arbeiter in der sozialistischen Wochenzeitung "Appeal to Reason" (Appell an die Vernunft) aufgerufen, bei den anstehenden Wahlen für die junge Socialist Party of America zu stimmen. Daraufhin beauftragte ihn die begeisterte Zeitschrift mit einem Fortsetzungsroman über die Zustände in der Fleischindustrie.
Sinclair ging dafür nach Chicago, um Material zu sammeln - und auch wenn er anders als später Günter Wallraff nicht selbst die schmutzigen Jobs ausübte, über die er schrieb, sammelte er doch in knapp zwei Monaten genug erschreckendes Material. Aber ihm fehlte es noch an lebensnahen Figuren. Anregung fand er beim Zufallsbesuch einer litauischen Hochzeit. Und mitten in den Überschwang der ausgelassenen Feier, die dann im Roman der Vorstellung der Protagonisten dient, setzte Sinclair einen Vorgeschmack auf das, was danach in seiner Handlung kommen sollte: mit der Schilderung all der Blutvergiftungen, die einer der Hochzeitsgäste bei seiner Arbeit als Ausbeiner bereits erlitten hatte.
Es geht in Sinclairs "The Jungle" nicht um eine Anklage der verübten Grausamkeiten am Schlachtvieh, nicht um Vegetarismus oder Qualitätsfragen bei der Nahrungsmittelproduktion, sondern um Klassenkampf. Aber was seine amerikanischen Zeitgenossen und bald auch Leser in aller Welt (der Roman wurde sogleich in siebzehn Sprachen übersetzt) erregte, waren die geschilderten hygienischen Zustände in den Schlachthöfen. Durch den resultierenden öffentlichen Druck wurden sie verbessert. An dem, was Sinclair eigentlich umtrieb - die Notlage der Arbeiterschaft -, änderte sich nichts. Doch er selbst war fortan ein Erfolgsautor ohne materielle Sorgen.
Als Sinclair 1928 fünfzig wurde, schrieb ein junger Unbekannter in Berlin als seinen ersten publizierten Text eine Gratulation, die die "Naivität" des amerikanischen Autors ebenso lobte wie dessen politische Überzeugung. Verfasser des Zeitschriftenartikels war Elias Canetti, der danach drei der fast hundert Bücher übersetzen sollte, die Sinclair in seinem neunzigjährigen Leben veröffentlichte. Keines aber erreichte nochmals die Wirkung von "The Jungle". Auch wenn es in den Augen Sinclairs die falsche war. ANDREAS PLATTHAUS
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