Uwe Wittstock hat den Verfolgten und ihren Rettern ein würdevolles Denkmal gesetzt.
Es gibt Bücher, die lese ich nicht einfach so nebenbei. Es sind Bücher, auf die ich mich voll und ganz einlassen muss. Bücher, die in meinem Kopf einen dichten, fast schmerzhaften Sog entwickeln. Uwe Wittstocks dokumentarisches Buch"Marseille 1940 - Die große Flucht der Literatur"ist genau so ein Werk.Für mich war der Einstieg absolut problemlos, doch schnell wurde mir klar: Dieses Buch wird mich herausfordern und gleichzeitig mit einer zutiefst bewegenden Erfahrung belohnen.Wittstocks Schreibstil ist mitunter sehr sachlich, fast dokumentarisch. Doch genau diese Nüchternheit erzeugt eine ungeheure Intensität. Ich tauchte völlig in dieses dunkle, wichtige Kapitel der Geschichte ein.Die größte Herausforderung beim Lesen ist das dichte Geflecht aus Schicksalen. Manchmal war es gar nicht so leicht, die vielen historischen Figuren und ihre komplexen Hintergründe im Kopf zu behalten. Das ist kein Buch für das schnelle Überfliegen vor dem Einschlafen. Ich musste stets konzentriert bleiben, doch jede investierte Minute in dieses Buch hat sich gelohnt.Was mich beim Lesen am intensivsten berührt hat, ist die allgegenwärtige Atmosphäre aus Angst und Verzweiflung. Wittstock transportiert die Beklemmung des Jahres 1940 direkt ins Hier und Jetzt. Marseille war in diesem Sommer der letzte, überlaufene Zufluchtsort für jüdische und vom NS-Regime verfolgte Intellektuelle, während die Wehrmacht und die Nationalsozialisten immer näher rückten.Besonders schrecklich war hier die perfide, bürokratische Willkür: Ständig änderten sich die Voraussetzungen, Gesetze und Regeln für Visa und Ausreisen. Alles war völlig undurchschaubar. Ich spürte beim Lesen förmlich das lähmende Ohnmachtsgefühl der Menschen, die in diesem bürokratischen Mahlwerk gefangen waren und deren Überleben von einem einzigen Stempel abhing.Die Schicksale im Buch sind mir allesamt unglaublich nahegegangen. Ob Anna Seghers, die mit ihren Kindern um das nackte Überleben bangte, oder Heinrich und Golo Mann. Hier prallten plötzlich zwei völlig verschiedene Welten aufeinander, die aus der Not heraus zusammenarbeiten mussten: Auf der einen Seite die berühmte Elite der europäischen Kultur, also gefeierte Intellektuelle, die nun völlig auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen waren. Und auf der anderen Seite Varian Fry. Was für eine unfassbare Persönlichkeit. Ein amerikanischer Journalist, der mit purem Pragmatismus, immensem Mut und unter ständigem Lebensrisiko zu einem der größten Retter der Kulturgeschichte wurde. Der Kontrast zwischen den feinsinnigen Denkern und dem riskanten, zupackenden Einsatz dieses Mannes ist meisterhaft gezeichnet.Das Buch"Marseille 1940 - Die große Flucht der Literatur" von Uwe Wittstock hat meinen Blick auf unsere heutige Welt verändert. Es führt uns allen schmerzhaft vor Augen, wie unfassbar verletzlich unsere Kultur, unsere Werte und unsere Freiheit sind, sobald politische Systeme sich radikalisieren. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie kann innerhalb kürzester Zeit wegbrechen. Danke für dieses großartige und nachhallende Leseerlebnis.Fazit:"Marseille 1940 - Die große Flucht der Literatur"ist ein emotional forderndes, aber absolut großartiges und wichtiges Sachbuch. Uwe Wittstock hat den Verfolgten und ihren Rettern ein würdevolles Denkmal gesetzt. Unbedingt lesen!