Ein zeitloser Schmöker, der in Sachen Frauenrechte ungebrochen aktuell ist.
Als Wilkie Collins 1875 zur Feder griff, um "The Law and the Lady" fertigzustellen, war er bereits ein gestandener Literat mit erfolgreichen Titeln. Sein enger Freund und Unterstützer Charles Dickens animierte ihn, sich auf Schauerromane zu konzentrieren. Ein Genre, dass im viktorianischen Jahrhundert boomte, und für das der einst mittelmäßige Schüler Collins aus dem Hause einer Künstlerfamilie ein besonderes Talent besaß. So hatte er bereits mit dem "Monddiamanten" das neue Genre des Detektivromans begründet. Nun sollte ihm mit "Gesetz und Frau" (im Deutschen mit einer etwas sperrigen und fraglichen Titelübersetzung), ein neuerlicher Wurf gelingen: der erste Roman mit einer Detektivin. Und das in einer Epoche, in der Frauen nichts besitzen durften, stattdessen selbst innerhalb jahrhundertealter patriarchaler Strukturen wie ein funktionales Besitztum behandelt wurden.Streiten ließe sich darüber, welchem Genre dieser Roman zuzuordnen wäre. Da sich die auslösende Handlung um einen ungeklärten Todesfall dreht, liegt eine Einsortierung in die Krimi-Schublade nahe. Aus erfolgsversprechenden Gründen wird der Roman auch als ein solcher angepriesen. Die Geschichte folgt jedoch einer Dramaturgie, die die Intuition, die Handlungsoptionen und die Psychologie einer weiblichen Figur in den Vordergrund stellt. Diese befindet sich im Spannungsfeld einer gesellschaftlichen Männerdominanz und muss sich in dieser herablassenden Welt behaupten.Auch wenn der Klappentext - zum Missfallen einiger Leser - ohnehin inhaltlich zu weit vorgreifen mag, halte ich mich mit den Spoilern möglichst zurück. Es sei so viel verraten, dass die junge Valeria in ihrer zarten Verliebtheit bald schon von Eustace geheiratet wird. So romantisch, so unspektakulär. Doch unmittelbar danach kommt Valeria einem Geheimnis auf die Spur, das einen dunklen Schatten auf ihre Beziehung und ihren Seelenzustand wirft. Dabei hilft ihr zwar der Zufall, rasch auf Ungereimtheiten bezüglich ihres Ehemanns zu stoßen, doch diese wären ihr eines Tages sowieso begegnet. Die Sorge, die Valeria ins Elend stürzt, bezieht sich auf eine Lüge ihres Mannes Eustace, mit der er seine Identität vor ihr verschleiert hat. Seine Unaufrichtigkeit soll zu ihrem eigenen Schutz im Verborgenen bleiben, so seine Beteuerung. Es deutet sich an, dass Eustace in einer Zwickmühle steckt und dass seine Ehre auf dem Spiel steht. Und damit die Ehe. Denn damit befleckt er ebenso die Heirat Valerias, was diese in schwere Gewissensnöte treibt. Soll sie ihrer Liebe blindlings vertrauen, obwohl sogar andere Angehörige sein Geheimnis kennen, oder soll sie sich Gewissheit verschaffen, um ihre junge Ehe zu retten? Zu allem Überfluss distanziert sich Eustace auf schmerzhafte Weise von ihr, sobald er bei der Lüge ertappt wird, um Valeria nicht weiter zu belasten. Für die mutige Frau steht viel auf dem Spiel. Sie setzt alles daran, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden und das verlorene Glück wiederzugewinnen. Sie holt Erkundigungen über Eustaces Vergangenheit ein und stößt bald auf einen Todesfall. Nun kennt sie zwar den Grund für seine brisante Lebenslüge, doch ab diesem Zeitpunkt fängt das Streben nach der Wahrheitsfindung erst an. Sie studiert amtliche Unterlagen, befragt so manchen Weggefährten und bizarre Informanten, die selbst ein geheimes Leben führen.Valeria ist eine sympathische, intelligente junge Dame von höherem Stand. Sie muss sich weder um ihr Auskommen noch um helfende Hände durch Bedienstete sorgen. In dieser viktorianischen Epoche bedeutete ein Zweifeln an der Herkunft oder am guten Ruf eine Schande für den oder die Betroffenen. Unter dieser Prämisse muss man den rund 150 Jahre alten Roman heute bewerten. Valeria war also ein fortschrittlicher Geist, mit Ansporn für aufklärerische Gedanken, aber auch eine Gefangene ihrer Zeit. Denn die Gesellschaft, in der sie sich bewegte und der sie durch ihre Stellung auch nicht zu entrinnen vermochte, schränkte den Wissensdurst und die Freiheit einer Frau strikt ein. So sind sowohl freundschaftliche Ratschläge wohlgesonnener Angehöriger, die sie bekehren wollen, die Sache auf sich beruhen zu lassen, als auch einschüchternde Zwänge konventioneller Kräfte am Wirken, um Valeria von ihrem Vorhaben abzubringen. Eine Frau hatte sich zu fügen und die regulatorischen Bedingungen der Aristokratie und der Bürgerschaft hinzunehmen. Ihre selbstempfundene "Starrsinnigkeit" bringt sie jedoch Schritt für Schritt weiter. Am Ende gelingt es ihr, das Geheimnis zu lüften und einen Ausweg zu finden, der ihr eine befriedigende Perspektive zu versprechen scheint. Wer es nun genau wissen möchte, was der erste weibliche Detektiv herausgefunden hat, sei Collins' "Lady" wärmstens empfohlen."Gesetz und Frau" ist ein zeitloser Schmöker, in Sachen Frauenrechte ungebrochen aktuell. Darin zu finden sind neben den gesellschaftspolitischen Themen Ausflüge in die Kompliziertheit des Widerstreits von Psyche und Gefühl, in die Romantik, in die menschliche Technikbegeisterung zu Zeiten der Industrialisierung, das Eintauchen in eine groteske Parallelwelt à la Edgar Allen Poe sowie einen juristisch durchdachten Justizfall. Keine Frage, Wilkie Collins ist ein talentierter Erzähler, dessen Bilder auch nach 150 Jahren noch vor dem geistigen Auge des Lesers leuchten. Aus heutiger Sicht mögen manche Passagen aufgrund ihrer Detailverliebtheit etwas langatmig erscheinen, etwa wenn das Interieur eines Raumes minutiös aufgezählt wird, doch die Botschaft dieses Romans hat an Strahlkraft nichts eingebüßt.Reclam ist hier eine erfreuliche Buchveröffentlichung gelungen und es bleibt zu wünschen, dass eine große Leserschaft die Qualität und das Vergnügen dieses Klassikers (wieder)entdeckt und dass noch viele weitere kluge Publikationen alter Meister folgen mögen.