Ein kluger und hochaktueller Polit-Thriller
Es beginnt, wie so vieles in unserer Zeit, mit einem begabten jungen Mann vor einem Bildschirm. Siv heißt er, ist der Beste seines Fachs und damit genau jene Sorte Mensch, die Staaten und Konzerne heute teuer einkaufen: ein Hacker, den eine private israelische Sicherheitsfirma engagiert, um die Schwachstellen fremder Systeme aufzuspüren. Was als Karriere beginnt, wird rasch zur Komplizenschaft - die Aufträge führen ihn in die Dienste von Geheimdiensten, Konzernen und schließlich von Autokraten, denen die Frage der Moral so fremd ist wie ihm die der Konsequenz. Während er beruflich in den Himmel wächst, bröckelt der Boden seines Privatlebens: ein chronisch klammer Vater, eine fremdgehende Mutter, eine in die Sucht abrutschende Schwester. Dass ein Mann, der den ganzen Tag in fremde Leben einbricht, irgendwann auch das eigene überwachen will, ist von einer Logik, die Yishai Sarid nicht behaupten muss - er lässt sie einfach geschehen, Schritt für Schritt, bis aus dem Jäger ein Gejagter geworden ist.Sarids eigentliches Wagnis ist diese Hauptfigur, und es zahlt sich aus. Siv ist technisch ein Genie und menschlich ein Desaster, unreif, geltungssüchtig, einsam, getrieben von einer Sehnsucht nach Anerkennung, die er für Stärke hält. Man mag ihn nicht, keine Sekunde lang, und das ist kein Versehen, sondern Programm. Der Roman verlangt kein Mitgefühl, er verlangt Aufmerksamkeit, und er belohnt sie mit einem Psychogramm von solcher Präzision, dass Sivs Verwandlung vom dienstbaren Spezialisten zum skrupellosen Täter nicht als Bruch erscheint, sondern als bloße Fortsetzung dessen, was ohnehin angelegt war. Wer eine Romanfigur zum Gernhaben sucht, ist hier an der falschen Adresse - wer dem Mechanismus der Korrumpierung beim Arbeiten zusehen will, an der richtigen.Es ist, nach Monster und Siegerin, der dritte Teil einer lose gefügten Trilogie, in der Sarid jeweils ein Ungeheuer seiner Gegenwart vermisst, und das Untier trägt diesmal das Gesicht der Technologie. Überwachungssoftware, die Demokratie und Rechtsstaat von innen aushöhlt; Gewalt, die der Algorithmus entpersonalisiert und das Sicherheitsbedürfnis nachträglich legitimiert. Der Titel, das wird schnell klar, meint nicht bloß die Lücken im Code. Die eigentlichen Schwachstellen sitzen im Menschen - in seiner Eitelkeit, seiner Einsamkeit, seiner Bereitschaft, sich gebraucht zu fühlen - und in einer ganzen Gesellschaft, die zwischen Bedrohungsgefühl und Paranoia das eine kaum noch vom anderen zu trennen weiß. Sarid, selbst einst Nachrichtenoffizier und später Jurist, kennt das Innere dieser Apparate offenkundig zu gut, um es zu verharmlosen.In Ruth Achlamas geschliffener Übersetzung liest sich das knapp, kühl und unerbittlich präzise, mit dem Sog eines klassischen Spionageromans und der Beklemmung einer Reportage aus naher Zukunft - oder, schlimmer noch, aus der Gegenwart. Das ist die Stärke und der Stachel des Buches zugleich: Es übertreibt nie genug, um beruhigend zu wirken. "Schwachstellen" ist ein kluger, hochaktueller Politthriller, der lange nachhallt und nebenbei das eigene Verhältnis zur vertrauten kleinen Maschine in der Hosentasche nachhaltig vergiftet. Man legt ihn aus der Hand und betrachtet sein Smartphone fortan mit jener höflichen Skepsis, die man sonst Bekannten vorbehält, von denen man weiß, dass sie zu viel reden.