1919-1924 als Buch
PORTO-
FREI

1919-1924

Buch (gebunden)
Am 19. September 1919 - etwa drei Monate nach dem Doktorexamen - schrieb Benjamin an seinen Freund Ernst Schoen: "An das Thema: Briefwechsel, ließen sich verschiedene Digressionen anschließen. Erstens darüber, wie sehr diese unterschätzt werden, weil … weiterlesen
Buch

51,00 *

inkl. MwSt.
Portofrei
Sofort lieferbar
1919-1924 als Buch

Produktdetails

Titel: 1919-1924
Autor/en: Walter Benjamin

ISBN: 3518582267
EAN: 9783518582268
Herausgegeben von Christoph Gödde, Henri Lonitz, Theodor W. Adorno Archiv
Suhrkamp

21. April 1996 - gebunden - 549 Seiten

Beschreibung

Am 19. September 1919 - etwa drei Monate nach dem Doktorexamen - schrieb Benjamin an seinen Freund Ernst Schoen: "An das Thema: Briefwechsel, ließen sich verschiedene Digressionen anschließen. Erstens darüber, wie sehr diese unterschätzt werden, weil sie auf den völlig schiefen Begriff des Werkes und der Autorschaft bezogen werden, während sie dem Bezirk des 'Zeugnisses' angehören, dessen Beziehung auf ein Subjekt so bedeutungslos ist, wie die Beziehung irgendeines pragmatisch-historischen Zeugnisses (Inschrift) auf die Person seines Urhebers. Die 'Zeugnisse' gehören zur Geschichte des 'Fortlebens' eines Menschen und eben, wie in das Leben das Fortleben mit seiner eignen Geschichte hineinragt, läßt sich am Briefwechsel studieren. Für die Nachkommenden verdichtet sich der Briefwechsel eigentümlich (während 'der einzelne' Brief mit Beziehung auf seinen Urheber an Leben einbüßen kann): die Briefe, wie man sie hintereinander in den kürzesten Abständen liest, verändern sich objektiv, aus ihrem eignen Leben. Sie leben in einem andern Rhythmus als zur Zeit da die Empfänger lebten, und auch sonst verändern sie sich." Wenn auch der unmittelbare Anlaß dieser Überlegung Benjamins Lektüre der beiden Briefwechsel Goethes mit dem Grafen Reinhard und mit Knebel war, so läßt sich doch in ihr ein für den Briefschreiber Benjamin programmatischer Charakter erkennnen.

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt:
Briefe 1919-1924

Abkürzungen
Verzeichnis der Briefempfänger
Register

Portrait

Walter Benjamin wurde am 15. Juli 1892 als erstes von drei Kindern in Berlin geboren und nahm sich 26. September 1940 in Portbou/Spanien das Leben. Benjamins Familie gehörte dem assimilierten Judentum an. Nach dem Abitur 1912 studierte er Philosophie, deutsche Literatur und Psychologie in Freiburg im Breisgau, München und Berlin. 1915 lernte er den fünf Jahre jüngeren Mathematikstudenten Gershom Scholem kennen, mit dem er Zeit seines Lebens befreundet blieb. 1917 heiratete Benjamin Dora Kellner und wurde Vater eines Sohnes, Stefan Rafael (1918 1972). Die Ehe hielt 13 Jahre. Noch im Jahr der Eheschließung wechselte Benjamin nach Bern, wo er zwei Jahre später mit der Arbeit Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik bei Richard Herbertz promovierte. 1923/24 lernte er in Frankfurt am Main Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen. Der Versuch, sich mit der Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels an der Frankfurter Universität zu habilitieren, scheiterte. Benjamin wurde nahegelegt, sein Gesuch zurückzuziehen, was er 1925 auch tat. Sein Interesse für den Kommunismus führte Benjamin für mehrere Monate nach Moskau. Zu Beginn der 1930er Jahre verfolgte Benjamin gemeinsam mit Bertolt Brecht publizistische Pläne und arbeitete für den Rundfunk. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Benjamin, im September 1933 ins Exil zu gehen. Im französischen Nevers wurde Benjamin 1939 für drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager interniert. Im September 1940 unternahm er den vergeblichen Versuch, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Um seiner bevorstehenden Auslieferung an Deutschland zu entgehen, nahm er sich das Leben.

Christoph Gödde ist Mitarbeiter am Theodor W. Adorno Archiv in Frankfurt am Main und gibt im Suhrkamp Verlag die Nachgelassenen Schriften sowie den Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer heraus (zusammen mit Henri Lonitz). Im August erscheinen im Suhrkamp Verlag: Theodor W. Adorno, Briefe an die Eltern 1939-1951, herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz, sowie Adorno. Eine Bildmonographie, herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 06.10.1998

Ceci n'est pas une pipe à opium
Wie Kommissar Maigret: Walter Benjamins Experimente / Von Lorenz Jäger

Anfang 1925 schließt Walter Benjamin die Reinschrift der geplanten Habilitationsarbeit "Ursprung des deutschen Trauerspiels" ab. Noch während er auf die Stellungnahme der Frankfurter Fakultät wartet, entwickelt er seinen Freunden einen neuen Plan: "Ich habe eine Anthologie von Sagen, deutschen Sagen im Sinne", schreibt er an Gershom Scholem. Vorgesehen war der Verlag der Bremer Presse, in dem die Kulturpolitik der "schöpferischen Restauration" sich mit Anthologien von Hofmannsthal und Borchardt ein Forum geschaffen hatte. Der Stil der Sage, heißt es in einem Brief an Hofmannsthal, sei ein "höchstes und viel zu wenig geschätztes Besitztum der deutschen Sprache".

Sechs Jahre später erschienen, von Benjamin ausgewählt und kommentiert, in der "Frankfurter Zeitung" die Briefe, die später unter dem Titel "Deutsche Menschen" in der Schweiz als Buch publiziert wurden. Die emphatische Verwendung des Wortes "deutsch" in Benjamins Schriften versteht sich vor dem Hintergrund seiner Briefe der Jahre 1925 bis 1934 nicht als Behauptung eines unveränderlichen Wesens, sondern als Frage nach der allernächsten Zukunft. Am 19. April 1933 schreibt er aus Ibiza an Gershom Scholem: "Gedanken über die Rückwirkung der deutschen Vorfälle auf die kommende Geschichte der Juden suchte ich mir auch zu machen. Mit sehr geringem Erfolg. Auf alle Fälle steht die Judenemanzipation in neuem Lichte da." Und der letzte Brief des Jahres 1934 deutet an, daß auf Solidarität nur bei Minderheiten zu rechnen sei: "Ich weiß nicht", schreibt Benjamin an den Kunsthistoriker Carl Linfert, "ob Ihnen, dem Namen nach, mein verstorbner Freund Florens Christian Rang bekannt ist. Er war ein Mann vom Schlage der großen deutschen Sektenlehrer."

Gab der zweite Band von Benjamins Briefen Einblick in den Freundeskreis um die geplante Zeitschrift "Angelus Novus", so steht hier die Gruppe im Vordergrund, die Ende der zwanziger Jahre das Feuilleton der "Frankfurter Zeitung" modernisiert: Bloch, Adorno und vor allem Siegfried Kracauer, der als Redakteur festangestellt war. Die Gruppe traf sich im Zeichen der neueren französischen Literatur: Proust, von Benjamin und Franz Hessel übersetzt, Julien Green und der Surrealismus waren die Bezugspunkte; in der deutschen Literatur vor allem das Werk Franz Kafkas. Neue Prosaformen des "Denkbildes" wurden im Feuilleton durchgespielt. Durch Adorno ergaben sich Berührungen mit der neuen Musik.

Aber auch der Zerfall der Gruppe ist an den Briefen ablesbar: Die chronische Reizbarkeit Benjamins gegenüber Ernst Bloch; die Erschöpfung der Gemeinsamkeiten mit Kracauer. Relative Kontinuität herrscht nur in der Beziehung zu Adorno. Daß die Freundschaft der beiden Philosophen stabil blieb, mag das Verdienst der jungen Unternehmerin Gretel Karplus gewesen sein. Die Briefe an sie, die später Adorno heiratete, gehören zum substantiell neuen Bestand dieser Bände; Benjamins meisterhafte Beherrschung der Blumensprache ist hier zu studieren. Sie umschreibt die Tatsache der ökonomischen Abhängigkeit. Schon vor 1933 begannen die Rezensionsaufträge für Benjamin zurückzugehen. Wenn er im Mai 1934 vom "rosa Grund" der Pfingstblumen spricht, so meint er, wie der auch diesmal wieder vorzügliche Kommentar vermerkt, "eine der zahlreichen Geldüberweisungen", mit denen Gretel Karplus ihn unterstützte.

Das Jahr 1932 bedeutete für Benjamin bereits die Vorbereitung der Emigration. Von April bis November hielt er sich im Ausland auf, zunächst auf Ibiza. Das "Gebot der Vernunft, die Eröffnungsfeierlichkeiten des Dritten Reichs durch Abwesenheit zu ehren" (an Scholem, 10. Mai 1932), warf seine Schatten voraus. Noch war nichts entschieden, aber die Verhältnisse begannen zwielichtig zu werden. Benjamins nächster Freund war in diesen Monaten der Franzose Jean Selz. Beide trafen sich in ihrer Schätzung Odilon Redons, des Malers der Zwischenexistenzen, dessen Kunst wie ein Symbol dieses Jahres war. Selz übersetzte Stücke aus der im Entstehen begriffenen "Berliner Kindheit"; gemeinsam rauchte man gelegentlich Opium. An den inzwischen nach Mallorca abgereisten Selz meldet Benjamin Ende September 1932, mit einem "monsieur Verspohl" auf Ibiza viele "bezaubernde Stätten" entdeckt zu haben. Von Maximilian Verspohl, so erfährt man aus dem Kommentar, haben sich drei Briefe an Benjamin von Ende 1933 und Anfang 1934 erhalten. Den eigentlichen Schock bekommt der Leser erst, wenn er ein paar Zeilen weiter erfährt, daß Verspohl zu ebenjener Zeit SS-Scharführer wurde.

1932 war noch nichts entschieden, aber immer weniger wußte man, mit wem man es eigentlich zu tun hatte. In dieser Zeit entdeckte Benjamin die Kriminalromane Georges Simenons und die Spionagegeschichten Somerset Maughams. Man kann die graphologischen Neigungen belächeln, die auch in diesen Briefen wieder zum Thema werden - das Buch von Anja Mendelssohn "Der Mensch in der Handschrift" erhält höchstes Lob, mit dem intuitiv-hellseherischen Graphologen Rafael Schermann trifft sich Benjamin -, die esoterische und geheimnisversponnene Atmosphäre aber, die er zeitlebens um sich zu schaffen wußte, erscheint plötzlich als adäquate Reaktion auf den objektiven historischen Zwischenmoment. Auf kaum etwas war Benjamin als Philosoph so vorbereitet wie auf die Zweideutigkeiten, die nun manifest wurden. Bereits zu Anfang der zwanziger Jahre hatte er eine Arbeit über die Lüge geplant. 1932 entsteht auf Ibiza die Kurzgeschichte "Die Pfeife", die ein winziges Experiment mit einer Lüge schildert. Und in einer Notiz über Johann Peter Hebel, die er im Sommer 1933 wieder auf Ibiza niederschreibt, spricht er von den "Tagen, in denen mehr zu einer kurzen Kameradschaft gehört als früher zu lebenslangen Freundschaften, in denen das Mißtrauen eine notwendige und Verläßlichkeit die höchste Tugend geworden ist".

Und noch einer wird von Benjamin als Rätselfigur ins Auge gefaßt: der "Mann in der Menge", den Edgar Allan Poe zuerst als Typus der Moderne entdeckt hatte, der Passant. Im Zeitalter der Massenaufmärsche und der Straßenschlachten war es ein Lebensinteresse zu erfahren, wer der Mann in der Menge denn sei. Benjamin begann Ende der zwanziger Jahre die "Passagenarbeit", um das klassische Terrain des Passanten zu erkunden. Und auch hier der gleiche Befund: Die "Zweideutigkeit der Passagen" hält eine erste Notiz noch in leichtem Ton fest. Wenn Benjamin dann das "zweideutige Zwinkern von Nirvana herüber" beschwört, das den undeutlichen und vieldeutigen Räumen eigen sei, dann denkt der Leser dieser Briefe nicht ohne Beklommenheit an die hier gedruckten Abschiedsbriefe, die Benjamin im Sommer 1932, als er seinen Selbstmord plante, für mehrere Freunde abfaßte.

Unter den bislang unbekannten Briefen ist ein kürzerer vom Juli 1929 zu erwähnen, in dem Benjamin Karl Wolfskehl für den Essay "Lebensluft" dankt. Wolfskehl hatte hier eine Definition des Begriffs "Aura" versucht: "Jedes stoffliche Gebilde strahlt sie aus, hat gewissermaßen seine eigene nur ihm zugehörige Atmosphäre." Wolfskehl glaubte, in der Aura einen kulturdiagnostischen Indikator zu besitzen, mit dem man sich auf feine atmosphärische Veränderungen einzustellen vermag: Sie sei "das gewisseste und feinste Kompaßinstrument, in stetem Erzittern, und bei Lebendigem wie bei Leblosem auch ein Vorzeichen der Wandlung, lange bevor an ,eigentlich' Stofflichem sich irgendwelche Umlagerung, Umbildung - zu welchem Ziele auch immer - erkennen läßt".

Benjamins Brief und seine Lektüre von Wolfskehls Essay fallen in eine Zeit, in der er seinerseits begann, mit dem Begriff der Aura zu operieren. Seine Umschreibungen lassen an eine schützende Hülle denken, die ein Wesen umgibt: von einer "ornamentalen Umzirkung" ist einmal die Rede, "in der das Ding oder Wesen fest wie in einem Futteral eingesenkt liegt". Der Aufsatz über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" spricht von einer "Hülle", aus der der Gegenstand in der Moderne "entschält" werde, um die Qualität eines "Geschosses" anzunehmen.

Die Briefe lassen nun erstmals erkennen, welche Lebenserfahrungen in die Formulierung dieser Theorie eingingen. Benjamin begann die Arbeit an der "Berliner Kindheit", als ihm klar wurde, daß er Deutschland verlassen mußte. Was war es denn, das ihm in der Gegenwart von 1932 bis 1934 als das aufällig andere der Zeit um 1900 erschien? Vor allem die Vielfalt der Schutzvorrichtungen, Hüllen und Schonbezüge, die das Leben damals konserviert hatten, das "unvordenkliche Gefühl von bürgerlicher Sicherheit". Eine Summa der Schutzräume beschreibt die "Berliner Kindheit", und deren äußersten Ring bildete das Stadtviertel, das "Quartier der Besitzenden", das zugleich ein Ghetto war. Aber schon als eine Einbrecherbande ins Haus drang, konnte der Schutzraum sein Versprechen nicht halten. Und ohne erkennbare Regung wird eine frühe Begegnung mit dem Antisemitismus beschrieben: Mehr als das bloße Faktum, daß Benjamin den Roman "Soll und Haben" von Gustav Freytag las, erfährt der Leser nicht.

Was die "Berliner Kindheit" darstellt, ist die im wilhelminischen Deutschland mindestens rechtlich geschützte Sphäre des jüdischen Lebens, gespiegelt in der Erfahrung eines bürgerlichen Kindes. Das Buch handelt von der Sozialisation in geschützten Räumen genau in dem Moment, als ihr Versprechen durch die politische Wirklichkeit dementiert und die Sphäre der Vernichtung erahnbar wurde. Benjamins hochkomplizierte Theorien der dreißiger Jahre beschreiben den schlichten Sachverhalt, wie ein Wesen seiner "Hülle" verlustig geht und in den Bezirk der Verletzbarkeit, der äußersten Schutzlosigkeit eintreten kann.

Walter Benjamin: "Gesammelte Briefe". Herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv. Band III: 1925 - 1930. Band IV: 1931 - 1934. Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997 und 1998. 594 und 593 S., geb., je Band

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
Servicehotline
089 - 70 80 99 47

Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr
Sa. 10.00 - 20.00 Uhr
Filialhotline
089 - 30 75 75 75

Mo. - Sa. 9.00 - 20.00 Uhr
Bleiben Sie in Kontakt:
Sicher & bequem bezahlen:
akzeptierte Zahlungsarten: Überweisung, offene Rechnung,
Visa, Master Card, American Express, Paypal
Zustellung durch:
¹ Mängelexemplare sind Bücher mit leichten Beschädigungen, die das Lesen aber nicht einschränken. Mängelexemplare sind durch einen Stempel als solche ge-
kennzeichnet. Die frühere Buchpreisbindung ist aufgehoben.
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt. Informationen über den Versand und anfallende Versandkosten finden Sie hier.
** Deutschsprachige eBooks und Bücher dürfen aufgrund der in Deutschland geltenden Buchpreisbindung und/oder Vorgaben von Verlagen nicht rabattiert werden. Soweit von uns deutschsprachige eBooks und Bücher günstiger angezeigt werden, wurde bei diesen kürzlich von den Verlagen der Preis gesenkt oder die Buchpreisbindung wurde für diese Titel inzwischen aufgehoben. Angaben zu Preisnachlässen beziehen sich auf den dargestellten Vergleichspreis.