Vor allem auf Social Media gewinnt man den Eindruck, dass bei Büchern besonders die Optik eine immer bedeutendere Rolle spielt und Inhalte dann manchmal nebensächlich werden.
Ein Stück weit kann ich das bei den wunderschönen Schmuckausgaben, den aufwändig illustrierten Werken und den bunten Buchschnitten verstehen. Da gibt es wirklich wunderschöne Exemplare, die Bücherherzen höherschlagen lassen!
So gefällt mir auch die optische Aufmachung vom ersten Band der hiesigen Sherlock-Holmes-Reihe richtig gut.
Die Illustrationen sind eher dezent und im Vintage-Stil gehalten, was gut zum Inhalt passt.
Durch kleine Beigaben (wie z. B. Stadtpläne, Fahrkarten, Konzertplakate, Briefe, Zeitungsausschnitte etc.) zwischen den Seiten werden die Geschichten für Lesende erlebbarer gemacht.
Qualitativ würde ich mir einen stabileren Buchrücken wünschen, da dort leicht Knicke entstehen.
Die Prägung auf dem Buchdeckel ist eine schöne Idee, doch bei meiner Ausgabe wurde leider das Oval mit dem Buchtitel schief angebracht - den Kauf würde ich daher vor Ort empfehlen.
Nun aber meine Meinung zum Inhalt:
Dieser erste Band enthält die beiden Romane "Eine Studie in Scharlachrot" (Teil 1 & 2) sowie "Das Zeichen der Vier", deren Schreibstil ich als etwas gehoben und eher anspruchsvoll empfunden habe. Müde zu lesen funktionierte hier nicht, weshalb ich mehrere Anläufe benötigt habe. Doch dann habe ich mich daran gewöhnt, bin gut mitgekommen und fand es unterhaltsam.
Die Detektivarbeit hat sich, ehrlich gesagt, beim Lesen manchmal etwas gezogen.
Dennoch war der Fall in "Eine Studie in Scharlachrot, Teil 1" in Ordnung und bekommt von mir 3,5-4/5 Sterne.
Teil 2 des Romans war für mich dagegen ein Highlight mit 5/5 Sternen, obwohl es hier überraschend um etwas ganz anderes ging: Auf 130 Seiten wird eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt, weit weg von Sherlock oder London, als die Mormonen flüchten mussten und sich eine neue Stadt, ein neues Zentrum aufbauten - Salt Lake City. Um ihr Überleben zu sichern, bekennen sich ein Mann und ein Mädchen in der Wüste Nordamerikas zu dieser Glaubensgemeinschaft, was jedoch Folgen für ihr weiteres Leben nach sich ziehen wird ...
Das war richtig mitreißend und bewegend erzählt!
"Das Zeichen der Vier" dagegen (und damit der zweite Roman und dritte Teil des Buches) war mir etwas zu langweilig und beinhaltete viel Diskriminierung. 3/5 Sterne dafür.
(ACHTUNG, ab hier evtl. SPOILER!!)
Insgesamt werden im Buch zahlreiche diskriminierende Inhalte und Ansichten aufgeführt.
Dass der Verlag an zwei Stellen auf die übernommenen rassistischen Begriffe für BIPoC aufmerksam macht und im Verweis aufklärt, ist ein Anfang. Aber das reicht mir bei diesem Buch nicht, da es noch weitere Stellen gibt.
Dass Holmes z. B. von der Emotionsstärke eines Menschen auf die Hautfarbe eines Täters schließt, kann man, finde ich, heute nicht mehr reproduzieren und unkommentiert so stehen lassen!
Außerdem werden ableistische Narrative bedient, der Böse hat eine Behinderung, ein Mensch wird namentlich auf seine Behinderung reduziert.
Jemanden als ein "wildes, missgesta*tetes Ges*höpf" zu bezeichnen, fand ich ebenfalls unangebracht.
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FAZIT: Ich bin sehr zwiegespalten.
Tolle Optik, die Qualität von Buchrücken & -Deckel ist z. T. verbesserungsfähig.
Einiges war unterhaltsam und ein Drittel des Buches (mit einer Geschichte über die Mormonen) kann ich inhaltlich als mitreißendes Highlight betiteln.
Die Ermittlungsarbeit von Sherlock und Watson hat sich manchmal gezogen, im zweiten Roman fehlte mir die Spannung komplett.
Leider enthält das Buch jede Menge Diskriminierung, die einem zusätzlich die Freude am Lesen nehmen kann und meiner Meinung nach heute wenigstens durchgängig als solche erkenntlich gemacht und erklärt werden sollte!
3-3,5/5 Sterne!
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C. N.: Drogenkonsum, Rassismus, Misogynie, Ableismus