Darum geht es:Ava ist 43 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und mit einem karriereorientierten Ehemann verheiratet. Seit Jahren ist sie vollständig in den familiären Alltag eingebunden. Ihr Leben ist geprägt von Routinen, Verantwortung und dem stillen Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Während ihr Mann beruflich vorankommt und die Kinder älter werden, empfindet Ava ihr eigenes Dasein zunehmend als Stillstand. Die Begegnung mit dem deutlich jüngeren Kieran wird für Ava zum Wendepunkt. Aus einer unerwarteten Nähe entwickelt sich eine Affäre, die sie mit Gefühlen konfrontiert, die sie längst verloren glaubte. In der Beziehung zu Kieran erlebt sie Selbstbestimmung, Begehren und eine Version ihrer selbst, die jenseits der Rolle als Mutter und Ehefrau existiert. Gleichzeitig steht Ava vor einem inneren Konflikt. Darf sie die heile Familie für ihr eigenes Glück opfern?Mein Leseeindruck:Ava liebt noch ist ein außergewöhnlich kluges und tief berührendes Buch. Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem jedes Wort, jeder Satz und jede Seite mit einer solchen Sorgfalt und emotionalen Präzision gestaltet sind. Auf vergleichsweise schlanken 320 Seiten entfaltet sich eine bemerkenswert dichte Geschichte, die überrascht, fordert und lange nachhallt.Ava ist eine Figur, die man nicht nur begleitet, sondern liebt, als Mensch mit all ihren Widersprüchen, Sehnsüchten und inneren Brüchen. Ihre Geschichte ist keine einfache Erzählung über Untreue, sondern eine fein durchdachte Betrachtung von Selbstverlust, Rollenbildern und dem leisen Verschwinden eigener Bedürfnisse im Alltag von Ehe, Familie und Verantwortung. Obwohl Ava ihren Mann betrügt, ein Umstand, der meinen eigenen Werten grundsätzlich widerspricht, fühlte sich dieser Schritt innerhalb der Geschichte zu keiner Sekunde falsch an. Die Autorin moralisiert nicht, sie erklärt nicht, sie rechtfertigt nicht. Stattdessen lässt sie verstehen.Besonders hervorzuheben ist die meisterhafte Darstellung der gesamten Familienkonstellation. Avas Ehemann, die Kinder sowie die Affäre sind vielschichtig, glaubwürdig und mit großer psychologischer Feinheit gezeichnet. Alle tragen zur emotionalen Wahrheit der Geschichte bei.Der Roman wird leise erzählt und wirkt dabei umso eindringlicher. Es ist ein Buch über Begehren, Identität und die Frage, ob man sich selbst verlieren darf, um das scheinbar Richtige zu bewahren. Für mich war dieser Roman ein absolutes Jahreshighlight, klug, mutig und von seltener emotionaler Ehrlichkeit. Vielen Dank, liebe @verazischke für diesen Buch-Diamanten ¿¿