Diese Rezension, dachte ich mir, nachdem ich das Vorwort (siehe Bild 2) gelesen hatte, wird auch janusköpfig ausfallen - allerdings hoffentlich mehr Aussagekraft haben als Buhrows Blubberblasen (sry, aber: ich finde das Vorwort belittling, sprachlich verstiegen und das Lob darin so weichgespült, daß es beim Lesen, beim Ablösen von der Seite zerrinnt).In dieser Antipathie gegenüber den seichten Geleitworten spiegelte sich natürlich auch ein bisschen meine Sorge wieder, was das ganze Buch angeht. Ich kenne Clara Lösels Videos, schließlich hat sie Erfolg mit Lyrik und das ist ein Metier, in dem ich mich viel bewege (und das, trotz der Seufzer von Herrn Buhrow, sich lebendiger Zuwendung zahlreicher Menschen erfreut und erfreute, auch vor Clara Lösel - von wegen fast vergessen, boah ey...)So ein großer Erfolg, nach dazu von einer jungen Frau, ruft natürlich Neider und Hater auf den Plan. Dass deren Argumente in der Regel hohl und dumm, nonetheless dreist, sind, braucht nicht betont zu werden (andererseits: why not. Haters: fuck off). Dennoch, und hier schließt meine Sorge an: kann man nicht durchaus ästhetische Argumente gegen Lösels Texte vorbringen? Der eine Janusmund sagt ja. Der andere aber spricht gelassen: aber greift diese Kritik? Was bedeutet sie den Massen?Lösels Erfolge will ich gar nicht in Frage stellen: sie hat viele Menschen erreicht und berührt und will sie zum Nachdenken, zum Einfühlen anregen. Bei aller Verletzlichkeit ist ihre Ausrichtung, ihre Sprache gar nicht so "zart", vielmehr entschlossen, straight, zugänglich. Und nicht still, sondern Stimme(n) erhebend(er geht's kaum). Bringt es bei all dem etwas, zu sagen, dass ihre Reime ungelenk wirken? Dass sie naive Anwandlungen hat (der Glaube, es hätte bessere Zeiten gegeben), dass ihre Fakten nicht korrekt sind (von der Sonne braucht das Licht ca. 8 min, nur von weit entfernten Sternen braucht es sehr lange)? Kurzum, soll und darf man skeptisch kritteln: ist das Kunst?Meine Janusköpfe schweigen. Der eine denkt über den elitären Kunstbegriff nach und ob ein anderer möglich ist, der andere verwirft den Begriff und formuliert an einem Plädoyer für das Menschliche herum, das schließlich kein Label brauche, kein Gütesiegel - wenn es Wirkung zeige, breite auch noch, Aufmerksamkeit auf das Wichtige lenke, dann sei das Kunststück genug.Es ist ja auch nicht so, dass Lösel nicht komplexe Kontexte thematisieren würde, auch wenn sie dabei Pfade entlanggeht, die Generationen von humanistischen Denker*innen bereits plattgetrampelt und gangbar gemacht haben. Vielleicht müssen die Leute derlei ja immer und immer wieder hören und vielleicht in einfachen Worten aus dem Mund einer reflektierten Person, die abseits der Aussagen keinerlei formalen oder ästhetischen Ehrgeiz hat, bei der in der Aufbereitung kein Ego im Spiel ist(/zu sein scheint).Lösel ist ein Fall, an dem sich auch zwei kritische Köpfe die Zähne ausbeißen. Die zwei Seelen in der Brust, sie haben dieses Buch in Teilen schon genossen und würden es ob der Botschaften empfehlen. Nur ästhetisch hat es ihnen wenig gegeben. Aber man soll ja einen Apfel nicht danach beurteilen, ob er eine Birne sein kann. An apple a day, keeps ignorance away. Man muss eh immer selbst weiterdenken, reflektieren, egal ob nun nach einem Gedicht von Clara Lösel oder einem von Monika Rinck. Bei Rinck muss man seltener Weinen, aber es macht dafür mehr Spaß.