
Éric macht auf einer Reise in Seoul eine so existenzielle Erfahrung, dass er daraufhin das Glück seines Lebens selbst in die Hand nimmt. Bestsellerautor David Foenkinos erzählt wie kein anderer vom Neubeginn, und warum wir ihn wagen sollten.
Während einer Geschäftsreise läuft Éric Kherson müde und ausgebrannt durch die Straßen Seouls und landet in einem Happy Life - ein Ort, an dem das Self-Help-Ritual der eigenen Fake-Beerdigung angeboten wird. Éric lässt sich spontan darauf ein. Umgeben von Stille und Dunkelheit spürt er plötzlich, worauf es wirklich ankommt im Leben. Mit dem Ende vor Augen entscheidet sich der Vierzigjährige für den Neuanfang.
Zurück in Paris kündigt Éric seinen Job, kümmert sich endlich um seinen Sohn, nimmt wieder Kontakt zu seiner Mutter auf und importiert das koreanische Ritual nach Frankreich. Das Geschäft boomt. So erfährt auch seine Ex-Chefin Amélie davon. Sie besucht Éric, weil sie endlich bereit ist für eine Veränderung. Es ist der Beginn einer zarten, neuen Liebe.
Charmant und tiefgründig zeigt uns David Foenkinos, dass wir unser Leben jederzeit ändern können - wir müssen uns nur trauen.
Besprechung vom 13.01.2026
Heile, heile Büchlein, nichts wird gut
Was David Foenkinos' Roman "Das glückliche Leben" vermissen lässt
Seit ein paar Jahren spukt die Idee einer heilenden Literatur durch Presse und Hörsäle. Schlagworte wie Bibliotherapie und andere "Die Lebenden reparieren"-Avatare suggerieren, dass es in der krisengeschüttelten Gegenwart Aufgabe literarischer Werke sei, die ach so erschütterten (Pardon: traumatisierten!) Zeitgenossen zu pflegen. In der verzweifelten Hoffnung, die schwindende Leserschaft zu vergrößern? Jedenfalls liegt nichts näher, als Selbsthilfe auch im Buch zu thematisieren. In dieser Hinsicht - und nur in dieser - ist David Foenkinos' Roman "Das glückliche Leben" konsequent. Dessen Hauptfigur Éric Kherson, ein Midlife-Krisen- und Burnout-Gequälter, entdeckt auf einer Korea-Reise das rettende Ritual: Man inszeniert die eigene Beerdigung, mit Foto und Grabinschrift. Nach ein paar Minuten im Sarg kann man sein Leben frisch angehen.
Die Neugeburt hat ihren Preis: Éric gelingt es nicht nur, einen Termin mit dem Firmenchef von Samsung zu verpassen, sondern auch, seinen Job als rechter Arm der Staatssekretärin Amélie Mortiers zu verlieren. Fortan bemüht er sich nicht mehr um ausländische Investoren für die französische Wirtschaft, sondern verbringt Zeit mit seinem Sohn aus geschiedener Ehe, gerade rechtzeitig zur Corona-Pandemie. Als die vorbei ist, gründet Éric seinen eigenen Pseudobestattungsdienst - natürlich ein Bombenerfolg. Und er trifft Amélie wieder, die er schon aus Schultagen in Rennes kennt. Sie hat ihrerseits Wandlungen durchlaufen, arbeitet im Kulturbetrieb, ist geschieden. Aus den beiden wird ein Paar - im Rodin-Museum, klebriges Stichwort "Der Kuss".
David Foenkinos ist ein Unterhaltungsautor, der mittlerweile gut zwanzig Romane veröffentlicht hat und zu Frankreichs meistverkauften Autoren gehört. Manche seiner Schmöker hatten auch bei der Kritik Erfolg, besonders seit "Nathalie küsst"; Foenkinos war schon Finalist für den Prix Goncourt. Warum, das ist unverständlich: Zwar bringt er halbwegs amüsante Geschichten und leicht skurrile Figuren aufs Papier, liefert letztlich aber Ikea-Literatur. Das will er wohl vergessen machen, wenn er sinniert: "Wieder einmal so eine Situation, für die er keine Gebrauchsanweisung parat hatte." Der ehrliche Möbelbauer ist hier klar im Vorteil. Insgesamt ist die Figurenpsychologie verhunzt: Es wird zu viel erklärt, wiederholt und dergleichen mehr. Andeutungen - etwa, dass Amélie "etwas Bösartiges" habe - versanden. Jenes "Verlangen nach Schönheit", das Lazarus-Éric verspürt, bleibt ungestillt.
Foenkinos liefert Soziale-Medien-Kritik für Anfänger: "Éric erkannte allmählich, dass die unermüdliche Inszenierung des Glücks die Aussicht auf einen Abgrund bot." Wie ernst es dem Autor damit ist, versteht man, wenn das Smartphone an anderer Stelle den "Kontakt zur Wirklichkeit" bedeutet. Vollends putzig wirkt, dass Foenkinos sich zum Hüter der Literatur stilisiert - "Kein Mensch las, so viel stand fest" - und seinen Éric zum Kafka-Fan. Seit wann passt Kafka zu einem Selbstfindungsplot im mittleren Management, erzählt in Dudelsprache? Einer, die Reflexion nur vortäuscht: "Trotzdem mochte er sein Projekt nicht Happy Life nennen, auch wenn die Therapie darauf abzielte, ein happy life zu erlangen. Das war wenig originell und klang zu sehr nach Selbstverwirklichung." Der lächerliche Name wäre wenigstens aufrichtig gewesen, so viel Einsicht hat selbst Foenkinos - siehe den Romantitel.
Wenigstens lustig sind hingegen die Fußnoten: Sinnfrei fügt Foenkinos Anmerkungen ein, über deren Nutzen gegrübelt werden darf. Vom ehemaligen Bestatter Rafael Gomez, den Éric angesichts der überwältigenden Nachfrage einstellt, heißt es, er habe "über tausend Beerdigungen organisiert", und die Fußnote ergänzt: "Wenige Menschen hatten in ihrem Leben so viele Tränen wie er fließen sehen." Die Plattitüde hätte den Haupttext nicht entstellt. An anderer Stelle: "Was für ein sagenhafter Zufall: Sie stellten fest, dass ihre Kinder allesamt Namen mit drei Buchstaben hatten." Ist das Ironie, die gern subtil wäre (die Liebeskandidaten werden krachend scheitern), oder vollendete Bräsigkeit? Die Anmerkungen belegen den angestrengten Willen, literarischen Mehrwert zu erzeugen.
Man muss nicht kulturpessimistisch das Gegenteil behaupten, nämlich dass Literatur und Denken notwendig traurig machen (George Steiner). Literatur ist in der Tat schieres Glück, durch die Freude an der gelingenden Formulierung, an der aberwitzigen Geschichte, am kühnen Gedanken. Sie kann sogar helfen, jedoch nicht durch das Auftragen von Heile-heile-Salbe, sondern dadurch, dass sie emotionale Perspektiven öffnet und zum Nachdenken bringt. Foenkinos verhält sich zu solcher, zu richtiger Literatur wie seine Hauptfigur zum Sterben: Er tut nur so. NIKLAS BENDER
David Foenkinos: "Das glückliche Leben". Roman.
Aus dem Französischen von Christian Kolb.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
222 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.