Laut Titel geht es in diesem Roman darum, wie ein Name den Lebenslauf verändern kann. Doch das ist einfach nur falsche PR. Es geht eigentlich um Häusliche Gewalt und um Femizid und darum, wie dies das Leben der Beteiligten = Opfer beeinflusst. Hier fehlte definitiv eine Triggerwarnung.
Es fängt damit an, dass eine junge Mutter ihren Sohn beim Standesamt anmelden soll. Der Ehemann und Vater will, dass der Junge Gordon heißt, wie er und sein Vater und alle (ziemlich ekelhaften) Väter davor. Die Mutter will das Kind Julian nennen und die große Schwester wünscht sich Bear, weil das gleichzeitig stark und knuddelig klingt.
Der Roman erzählt nun in Abständen von jeweils sieben Jahren den Lebensverlauf des Jungen und seiner Familie mit dem jeweiligen Namen, also eine Art Parallelverlauf.
Häusliche Gewalt bzw. deren Folgen sind immer Thema, unabhängig davon, welcher Namen gewählt wurde. Ausschlaggebend ist stets, wie die Ehefrau und Mutter mit dem Thema umgeht. Wie sie sich wehrt oder eben nicht, ob sie beim Mann bleibt oder oder....
In (fast) jedem Erzählstrang stirbt jemand, das war hart. Und auf jeden Fall leidet die Tochter, denn sie hat schon von Kindheit an die Situation in ihrem Elternhaus erlebt. Die Spannungen, die Erniedrigungen der Mutter, die Gewalt. Und auch der Junge verspürt das Unbehagen, auch wenn er in zweien der Erzählstränge nicht direkt betroffen ist. Die Mutter ist ein typischer, tragischer (und wohl realistischer) Fall: Sie erträgt und harrt aus und.... das war etwas, was ich nur schwer ertragen konnte. Da ich persönlich von diesem Thema nicht betroffen bin, fehlt mir einfach jedes Verständnis dafür, wieso Frauen das aushalten.
Die unterschiedlichen Erzählstränge verlangen ein wenig Konzentration, es ist sicher empfehlenswert, eine Tabelle mit den einzelnen Namen und den Ereignissen zu erstellen, dann bleibt es übersichtlicher. Grundsätzlich hat die Autorin die Stories jedoch im Griff. Die aktuellen Bezüge zwischendurch (Attentat in Paris. Covid) hätte es m.E. nicht unbedingt gebraucht, aber nun gut, brachte auch ein wenig Abwechslung und Spannung rein. Überhaupt, das Buch ist spannend, trotz des schwierigen Themas und es gibt zwischendurch auch viel Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt. Sonst wäre die Geschichte allerdings auch kaum auszuhalten.
Der Vater / Ehemann = Täter bekommt kaum Raum, was gut ist. Allerdings fand ich es dann umso unverständlicher, dass ihm der letzte Abschnitt gewidmet wurde. Genauso unverständlich fand ich, dass im "Gordon" Kapitel keiner direkt stirbt, bei Bear sogar zwei Personen (der zweite Todesfall war m.E. unnötig und bitte: WHY?) und bei Julian eine Person. Ein paar inhaltliche Schwächen gibt es also durchaus, die die Frage, was die Autorin uns sagen will, ein wenig unbeantwortet lassen.
Trotzdem: Ein lesenswertes Debut, sehr gut geschrieben, mit einigen inhaltlichen Schwächen.
Die fehlende Triggerwarnung laste ich jetzt mal dem Verlag an.
Ich habe extra "Da, wo ich dich sehen kann" von Jasmin Schreiber nicht gelesen, wegen Femizid. Dann landete ich bei diesem Roman .... Bedauert habe ich die Lektüre jedoch nicht und den Roman von Jasmin Schreiber werde ich wohl bei Gelegenheit auch noch lesen.