
Besprechung vom 14.03.2026
Ein Imperium im Dienst des Profits
Mit einer Aktiengesellschaft wollten sich die Briten am Indienhandel bereichern, aber die Schwäche ihrer Gegner trieb sie zur Eroberung des Subkontinents: William Dalrymple erzählt die Geschichte der East India Company.
Von Andreas Kilb
Die East India Company, die britische Ostindien-Kompanie, war ein Monstrum eigener Art. Gegründet als Aktiengesellschaft für den Handel mit Indien und dem Fernen Osten, kontrollierte sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht den größten Teil des indischen Subkontinents, führte mit einem stehenden Heer von Söldnern auf eigene Rechnung Kriege und verwaltete in Nordindien ein Territorium, das ausgedehnter war als das englische Mutterland. Edmund Burke, ihr wichtigster parlamentarischer Widersacher, nannte sie "einen Staat im Gewand eines Händlers", und für den Historiker Thomas Macaulay war sie "das größte Unternehmen der Welt". Um 1800 war die Company für ein Viertel der britischen Handelsbilanz und fast den gesamten Warenverkehr mit Ostasien verantwortlich, ihre Gesandten verhandelten mit Maharadschas und Großmoguln, und ihre Profite hielten die industrielle Revolution in Großbritannien in Gang. Als ihre Herrschaft 1858 beendet und sie selbst sechzehn Jahre später aufgelöst wurde, fielen der englischen Krone die Landmassen Indiens und Pakistans als Morgengabe zu, und aus dem britischen Kolonialreich wurde mit einem Schlag ein Weltreich. Für den schottischen Historiker William Dalrymple ist diese erstaunliche Unternehmensgeschichte weder Stoff für eine Klageschrift noch für ein Hohelied auf den modernen Kapitalismus. Dalrymple will verstehen, wie es passieren konnte, dass eine private Handelsgesellschaft zum entscheidenden Player im Konzert der indischen Mächte wurde, bis schließlich alle nach ihrer Pfeife tanzten. Deshalb fängt er zwar ganz vorn an, bei der Gründung der Company zu Silvester 1600, kommt aber dann rasch zum springenden Punkt. Etwa hundertfünfzig Jahre lang verhält sich die Gesellschaft nicht anders als andere ihrer Art: Sie kauft mit britischem Gold indische Waren, vor allem Seiden- und Baumwollstoffe und Gewürze, verkauft diese mit Gewinn zu Hause und füttert so ihre Aktionäre, von denen nicht wenige im Parlament in London sitzen; sie macht Bombay an der West- und Madras an der Ostküste zu Geschäftszentren, gründet eine Niederlassung in Kalkutta nahe der Gangesmündung, verteilt Bestechungsgelder an lokale Potentaten und unterhält Schutztruppen aus Einheimischen gegen Raubüberfälle oder Interventionen anderer europäischer Handelskompanien. Dann aber, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, gerät diese Konstellation aus dem Gleichgewicht, weil zwei historische Entwicklungen zusammentreffen, eine innen- und eine außenpolitische. Die eine ist der Zerfall des Mogulreichs. Fast zwei Jahrhunderte lang haben die muslimischen Großmoguln von Delhi aus die fruchtbaren Flussebenen Nordindiens regiert und die Kleinkönige des Hochlands und der südlichen Küsten in Schach gehalten, aber mit dem Tod von Aurangzeb im Jahr 1707 gerät ihre Herrschaft ins Wanken. Regionale Nawabs, die "Nabobs" der europäischen Berichte, machen sich selbständig, der Schah von Persien plündert 1748 die Hauptstadt, ihm folgen Reiterarmeen aus Afghanistan und Mittelindien. Die Metropole Delhi entvölkert sich, der Mogul wird zum Schattenfürsten. Zugleich verschärft sich die koloniale Konkurrenz zwischen England und Frankreich. Schon vor dem Siebenjährigen Krieg wird um Madras und Pondichéry gekämpft, aber mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten in Europa eskaliert der Konflikt zum Duell auf Leben und Tod. Vom Süden springt der Funke nach Bengalen über, wo die Briten ihre Befestigungen in Kalkutta gegen den Willen des Nawabs Siraj-ud-Daula verstärken. Aus Rache erobert Siraj die Stadt und lässt Hunderte Gefangene in ein unterirdisches Gelass sperren, wo viele von ihnen ersticken. Die britische Strafaktion folgt auf dem Fuß, und mit ihr beginnt der weltgeschichtliche Siegeszug der East India Company. Ihr Vollstrecker heißt Robert Clive. Clive, ein Verächter indischer Kultur und Tradition, gewinnt 1757 die Schlacht bei Palashi gegen eine vielfache Übermacht und macht den neuen Nawab zu einer Marionette der Company. Acht Jahre später schließt er mit dem aus Delhi vertriebenen Mogulherrscher Shah Alam einen Vertrag, der den Briten die Steuereinnahmen von ganz Bengalen sichert. Fortan plündert die Company ihre neue Provinz aus "wie ein Freibeuter eine Galeone" (Macaulay). Als das Ausbleiben des Monsunregens ab 1770 eine Nahrungsknappheit auslöst, stirbt die Bevölkerung zu Hunderttausenden, während die Direktion in London auf die Einhaltung der jährlichen Rendite pocht. Der Versuch der britischen Regierung, mit einem "Regulating Act" die Gier der Handelsgesellschaft zu zügeln, scheitert. 1788 steht ihr Generalgouverneur Warren Hastings in Westminster vor Gericht. Die Eröffnungsrede hält Edmund Burke; er nennt Hastings "den obersten General des Unrechts, den Mann, der allen Betrug, alle Unterschlagung, alle Gewalt, alle Tyrannei in Indien verkörpert". Doch es hilft nichts. Nachdem sich der Prozess sieben Jahre hingezogen hat, wird Hastings vom Oberhaus freigesprochen. Weitere acht Jahre später ziehen Sepoy-Truppen der East India Company in Delhi ein und stellen den machtlosen Shah Alam unter ihren Schutz. Die Regentschaft über das Mogulreich übernimmt ein Beamter der Company. William Dalrymple, der einige Söldner und Angestellte des Unternehmens unter seinen Vorfahren hat (als Sohn des Barons Hamilton-Dalrymple ist er außerdem mit Königin Camilla und Virginia Woolf verwandt), skizziert diesen unwahrscheinlichen Aufstieg einer Aktiengesellschaft zur Großmacht mit Sinn für dramatische Effekte, aber ohne jenen Dünkel, den Edward Said als "Orientalismus" geschmäht hat. Viele der Orte, an denen die Geschichte spielt, hat der in Indien lebende Autor selbst bereist, sodass seine Schilderungen auf eigener Anschauung beruhen. Vor allem konnte Dalrymple neben den bekannten zeitgenössischen Quellen auf eine Anzahl unveröffentlichter Manuskripte aus den Beständen der India Office Library in London und einer privaten Sammlung in Hyderabad zurückgreifen, darunter das Geschichtswerk eines Sikh-Beamten im britischen Kolonialdienst. Sein Buch ist daher alles andere als eurozentrisch: Es blickt ebenso mit den Augen der Inder auf die Fremden von jenseits des Meeres wie aus der Perspektive der Briten auf die faszinierende Welt des Subkontinents. Sein wahrer Held ist jener Shah Alam, dessen Machtlosigkeit "vom goldenen Schein hoher Kultur und höfischer Umgangsformen überstrahlt wurde", die den britischen Kaufleuten so bitter fehlten. In einem wichtigen Punkt freilich muss man Dalrymple widersprechen: Heutige Großkonzerne wie Apple, Amazon oder Tesla sind keineswegs, wie er im Nachwort schreibt, im Vergleich zur kriegslustigen East India Company "recht zahme Bestien". Zwar fehlt ihnen ein Landheer. Aber die Verfügung über Digitaltechnik hat durchaus, wie der Ukrainekrieg zeigt, militärische Folgen. Und welche Folgen die Kolonisierung der Erde durch KI zeitigen wird, ist längst noch nicht ausgemacht. William Dalrymple: "Anarchie". Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600 -1874. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. C.H. Beck Verlag, München 2026. 597 S., Abb., geb.
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