
»Die Geschichte einer Emanzipation - stark und unverwechselbar. « Anne Rabe
»Lewandoskis Stoff ist so ungewöhnlich, die erzählerische Form so wagemutig, dass man sich trotzdem nur dem Staunen überlassen kann, über diese große literarische Kür. « Marie Schmidt, Süddeutsche Zeitung
Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. »Die Routinen« seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt.
München. Montreal. Tokio. Wenn die olympischen Spiele anstehen, blickt die ganze Welt auf eine Stadt, auf eine Mannschaft, auf eine Leistungsturnerin. Die Mädchen und Frauen trainieren ihr gesamtes Leben auf diesen Moment hin. Aus diesem Wir der Turnerinnen, das in olympischen Jahren denkt, vom Training auf die Waage zu den Wettkämpfen gedrängt wird, entspringt ein Ich, die Turnerin Amik. Sie beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben. Auf kraftvolle Weise erzählt Son Lewandowski von Sport und Politik, von fragilen Beziehungen und den Grenzen des eigenen, alternden Körpers. Die Geschichten von berühmten Turnerinnen und der größte Missbrauchsskandal der Sportgeschichte werden in die Geschichte von Amik eingewebt und machen »Die Routinen« zu einer atemlosen Leseerfahrung.
Besprechung vom 08.02.2026
Die schokoladenverklebten Geschichten ihrer Erfolge
Son Lewandowskis Debütroman "Die Routinen" erzählt leichtfüßig und schonungslos zugleich von strukturellem Missbrauch im Kunstturnen.
Sie habe keinen festen Freund, liebe Wassermelonen und verstehe genug Englisch, um sich über die liebevollen Briefe von amerikanischen Fans zu freuen, so beschrieb die "New York Times" 1973 Olga Korbut und befeuerte damit den Lolita-Mythos, den man der sowjetischen Turnerin andichtete. Bei den Olympischen Spielen im Jahr zuvor hatte die damals 17-Jährige mit einem Rückwärtssalto für Aufsehen gesorgt - ein Element, so riskant, dass es mittlerweile auf Wettkämpfen verboten ist. In der anschließenden Tournee durch die USA besuchte die sowjetische Turndelegation auch das Weiße Haus. Fotos zeigen, wie Korbut den damaligen Präsidenten Richard Nixon anstrahlt. Puffärmel und Haarschleifen unterstreichen ihre Jugend. Die kleine Turnerin beim mächtigsten Mann der Welt: eine Erfolgsgeschichte, wie sie nur der Sport zu schreiben vermag.
Was fernab des goldmedaillenfarbenen Scheinwerferlichts geschah, erzählt Son Lewandowski in ihrem bemerkenswerten Debütroman. "Die Routinen" - angelehnt an das englische Wort routines für Turnübungen und zugleich ein Verweis auf die endlos wiederholten Bewegungsabläufe - handelt von der fiktiven Kunstturnerin Amik, die mit 32 Jahren bereits am Ende ihrer Karriere angekommen ist. Aus dem Kader ausgemustert, begleitet sie ihr früheres Team dennoch zur Turn-Europameisterschaft 2023 nach Antalya und beobachtet von der Zuschauertribüne, wie sich ihre Zimmernachbarin Izzy bei einem Sturz verletzt. Fortan wacht sie an deren Krankenbett und reflektiert über ihr Leben, dessen entbehrungsreicher Verlauf sich bei der halb so alten Konkurrentin zu wiederholen scheint.
Amiks Grübeln ist nur eine von mehreren Erzählebenen, die in "Die Routinen" nahtlos ineinanderfließen. Neben der Ich-Perspektive gibt es noch ein kollektives "Wir", das für alle Kunstturnerinnen steht. Zudem zitiert Lewandowski Turnlegenden wie ebenjene Olga Korbut, aber auch die Rumänin Nadia Comaneci oder US-Amerikanerin Simone Biles und verwebt ihre Biographien zu einem dichten Erzählmosaik, bei dem sofort ins Auge sticht, wie sehr sich die einzelnen Erfahrungen ähneln. Die glitzernden Kostüme sind nur der äußere Glanz eines Systems, das die Mädchen zwar zu Höchstleistungen animiert, aber auch ihren körperlichen und mentalen Missbrauch begünstigt.
Egal ob ihre olympischen Erfolge in die Siebzigerjahre oder an den Anfang der 2000er fallen: Viele Turnerinnen berichten von brutalen Trainingsmethoden und von engen Bezugspersonen, die ihre Macht ausnutzten. Oder wie es die kollektive Stimme in "Die Routinen" ausdrückt: "Wie wir jede Übung riskierten, die sich die schlaffen Schnurrbärte hinter uns ausgedacht haben."
Die Gefahr lauert allerdings schon vor der Matte. Comaneci erzählte von Schlägen und Morddrohungen durch ihr Trainerpaar Béla und Marta Károlyi, Korbut beschuldigte ihren Trainer Renald Knysh der Vergewaltigung. Biles wiederum zählt zu den Opfern von Larry Nassar. Der US-Amerikaner arbeitete jahrzehntelang als Mannschaftsarzt und Koordinator für den nationalen Turnverband USA Gymnastics. Unter dem Vorwand medizinischer Behandlungen missbrauchte er mehr als 250 Mädchen und Frauen. 2018 verurteilte ein Gericht ihn zu einer Haftstrafe von bis zu 175 Jahren.
Sexuelle Übergriffe sind die drastischsten Auswüchse eines Abhängigkeitsverhältnisses, das auch durch die Minderjährigkeit vieler Athletinnen entsteht. Während bei den Olympischen Spielen 1952 die amerikanischen und sowjetischen Turnerinnen im Schnitt noch knapp unter 28 Jahren waren, begünstigten neue Wettkampfanforderungen von den Siebzigern an zunehmend jüngere Athletinnen. Nadia Comaneci trat 1976 in Montreal mit nur 14 Jahren an. Denn je jünger man ist, desto höher kann man springen. Der Leistungsdruck auf den Schultern hingegen wiegt nichts. "Klein und leicht sein und alles, was danach kommt, ist ein Mangel", so beschreibt Lewandowski die Furcht der Mädchen vor der Pubertät, vor den zwangsläufigen Veränderungen ihrer Körper. Sie entwickeln Essstörungen, jedes Gummibärchen gleicht einer Sünde: Sie naschen heute einen Arm, "morgen ein Bein".
Ihre Jugend verbringen sie getrennt von ihren Familien, mit Teamkolleginnen, die gleichzeitig Konkurrentinnen sind. "Ich kannte alle ihre Bewegungen und wusste trotzdem nicht, was in ihnen vorging", erinnert sich Amik an ihr einsames Aufwachsen in vollen Trainingshallen.
Die vergifteten Lebensumstände der Mädchen bleiben unbemerkt, weil sie als Turnerinnen zu erfolgreich sind. Auf dem Siegertreppchen fungieren sie als Aushängeschilder ihrer Nationen; als Botschafterinnen in Trikots reisen sie durch die Welt. Bei ihrem Besuch im Weißen Haus sagte Präsident Nixon zu Olga Korbut, so erzählte die es zumindest später, ihr Auftritt bei Olympia in München 1972 hätte mehr zum Abbau der politischen Spannungen während des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion beigetragen, als die Botschaften in fünf Jahren hätten leisten können.
Auch die finanziellen Interessen der Turnverbände spielen eine Rolle. Millionenschwere Werbeverträge funktionieren nur, solange die "schokoladenverklebten Erzählungen unserer Erfolge" stimmen, wie es im Roman heißt. Die kleine Turnerin beim mächtigsten Mann der Welt macht sich besser, wenn man von den mutmaßlichen Schlägen des Trainers nichts weiß.
Trotz allem ist "Die Routinen" keine Geschichte von reinen Opfern, die sich ausschließlich für andere aufgeben. Im Gegenteil: Lewandowski zeichnet ein ambivalentes Bild der Turnerinnen, deren Erfolgshunger auch aus eigenem Antrieb entsteht. Sie beschreibt die positiven Seiten des Sports, das Fallenlassen in die Konzentration, die berauschende Wirkung einer perfekten Kür.
Der Gegensatz zwischen der nach außen hin geschliffenen Turnwelt mit ihren grazilen Bewegungen und dem dahinterliegenden brutalen System spiegelt sich in der leichtfüßigen und zugleich enorm präzisen Sprache wider. "Und wenn eine von uns das Gleichgewicht verlor, weil der Schwung sie wieder mitriss, fiel sie weich in den Sicherheitsmeter hinter der Linie, manchmal ein Kreuzbandriss, manchmal ein Bruch, aber das hört man unter der Kürmusik nicht. Wir taten uns leise weh", sagt Amik zu Beginn eines Wettkampfs. Auch die Typographie ist Teil der Erzählung. Einzelne Sätze stehen losgelöst zwischen den Absätzen - wie Abschlussposen, mit denen Turnerinnen ihre Kür beenden.
Die Wortmächtigkeit vermittelt einen so lebhaften Eindruck, dass man sich fast wundert, dass die Autorin selbst nie bei Olympischen Spielen angetreten ist. Die 1988 in Köln geborene Lewandowski turnte zwar in ihrer Jugend, erreichte indes nie das im Roman beschriebene Niveau. Sie arbeitet als Kuratorin und gründete das Literaturfestival "Insert Female Artist" mit. 2023 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs und der "Autor*innenwerkstatt" des Literarischen Colloquiums Berlin eingeladen.
Bei ihren Recherchen zu "Die Routinen" wählte Lewandowski einen ethnographischen Ansatz, reiste zu der Europameisterschaft in Antalya und beobachtete das Geschehen auf Besucherrängen und der Wettkampffläche. Sie entschied sich bewusst dagegen, mit aktiven Turnerinnen zu sprechen, erzählte Lewandowski bei ihrer Berliner Buchpremiere. Sie sei keine ausgebildete Therapeutin und wollte keine Interviews führen, die eine mögliche Retraumatisierung auslösen könnten. Zudem hätten sich bereits so viele Frauen öffentlich geäußert. Die Lebenswege von Nadia Comaneci, Olga Korbut, Simone Biles und weiteren Kunstturnerinnen sind gut dokumentiert, viele verfassten nach dem Ende ihrer Karriere Autobiographien. Und doch änderte sich lange nichts.
In Deutschland laufen seit dem vergangenen Jahr Ermittlungen gegen mehrere Trainingspersonen des Deutschen und Schwäbischen Turnerbundes. Sie sollen unter anderem Turnerinnen dazu gezwungen haben, trotz Verletzungen bei Wettkämpfen anzutreten. Vor zwei Wochen teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit, den Kreis der Verdächtigen auszuweiten. Vielleicht ändert sich jetzt etwas. SOPHIA COPER
Son Lewandowski. "Die Routinen". Roman.
Klett-Cotta Verlag, 272 Seiten
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